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In der Ruhe liegt ...

... die Einsamkeit? Familienfreuden, Gemeinsamkeit, Kochen für fünf – das klingt ja alles sehr schön, ist jedoch nicht allgegenwärtiger Alltag. Viele unserer Mitmenschen leben alleine und sind durch die derzeitigen Umstände einsamer denn je: Die alleinstehende Lehrerin sieht keine Schüler, sie darf ihnen digital die Wochenaufgaben zuschicken. Dem frühpensionierten Baupolier sperrt jetzt kein Kaffeehaus auf, damit er dort unter die Leute kann. Dem engagierten Physiotherapeuten wird nun lange kein Lob und kein Lächeln seiner Patienten geschenkt, die normalerweise in tiefer Dankbarkeit die Türe zur Praxis hinter sich schließen, weil sie spüren, dass es ihnen durch seiner Hände Kraft und Wissen in den kommenden Wochen besser gehen wird. Der älteren Dame von nebenan, sonst ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, sind die Flüchtlinge abhanden gekommen, und mit ihnen der Austausch mit sehr interessanten Menschen. Zu Hause bleiben heißt es für sie alle, die meisten Stunden des Tages, ohne diesen herzlichen Austausch mit ihnen lieb gewordenen Menschen, die eben nicht zu ihrer Familie oder in ihre Wohnung gehören.

 

In der Ruhe liegt auch die Kraft. Und die Kreativität. Die Muse. Und das gute Buch. Ironischerweise ist genau in dieser Woche bei mir alles andere als Ruhe eingekehrt. Auch schön, ich arbeite gerne. Doch wenn meine Gedanken wieder einmal zu wandern beginnen, denke ich viel an liebe Menschen meiner Umgebung, denen zurzeit vielleicht etwas viel Ruhe ins Haus steht. Und da kommen mir plötzlich meine Lieblingsbücher in den Sinn, Bücher, die ich ihnen gerne mit einem Fingerschnipsen zukommen lassen möchte: Schiffbruch mit Tiger – was für eine Geschichte! Der Vorleser – mir steigt jetzt schon wieder die Gänsehaut auf. Die Vermessung der Welt – ein exquisites Lesevergnügen. Oskar und die Dame in Rosa – welch berührende Erzählung eines viel zu kurzen Lebens, welch lautstarkes Bejahen eines jeden einzelnen Lebenstages. Die Entdeckung der Langsamkeit – ein Buch, das dieser Tage wohl wieder definitiv an Aktualität gewinnt. Es gibt sie beinahe so unzählig wie die Sterne am Firmament! Außergewöhnliche Autoren, die mir auf meinem Lebensweg schon so viel gegeben haben. In fremde, spannende Welten abzutauchen, sich in gedankliche Gefilde vorzuwagen, aus denen man sich bei Bedarf nach dem Schließen des Buchdeckels auch wieder zurückzuziehen vermag; Schicksale und Abenteuer mitzuerleben, die für einen selbst manchmal kaum erträglich sind, einen aber doch auf so tiefgründige Weise prägen und wichtige Weisheiten dieses Lebens lehren. Bitterlich zu weinen, schallend zu lachen, verliebt zu träumen – die Welt der Bücher hält alle Emotionen für uns offen: Lesen ist so wunderbar! Und nimmt der Einsamkeit für gewisse Zeit ihren Schrecken und ihre Schwermut. Bücher, Bücher, kommt zu mir und lasst euch entdecken! Wenn ich nur ein bisschen mehr Zeit hätte ...

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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Kommentare: 3
  • #1

    Robert (Montag, 30 März 2020 12:47)

    Ich muss auch zugeben, dass ich derzeit bei weitem nicht so viel zum Lesen komme, wie ich dachte ... Danke Eva, da sind ein paar Werke dabei, die ich auch sehr schätze. Und ich will deine Liste noch ergänzen um "Die geheime Geschichte" von Donna Tartt, Hilary Mantels Trilogie über Thomas Cromwell (der letzte Teil "Spiegel und Licht" ist soeben auf Deutsch erschienen), Maja Haderlaps "Engel des Vergessens" und "Krieg und Frieden". Letzteres hab ich auch lange gescheut, nur um dann festzustellen, dass es sich durchaus leicht lesen ließ und Tolstoi eine fein-ironische Klinge führte :-)

  • #2

    Friederike Klagenfurt 27 märz2020 (Montag, 30 März 2020 12:49)

    Danke für deinen Beitrag der einen zum Nachdenken anregt meine Bitte an dich nimm dir mehr Zeit für dich und bleib gesund�

  • #3

    Brigitte aus Bruckdorf (Dienstag, 31 März 2020 08:25)

    Ganz herzlichen Dank liebe Eva! Selbst in Zeiten wie diesen schaffst du es, uns mit deinen heiteren Gedanken zu berühren und uns aufzumuntern. Und das alles ohne die besonders schwierige Situation dahinter zu verleugnen. Ja, lesen tut gut! Lassen wir uns entführen in das berühmte Abenteuer im Kopf....Alles, alles Gute für dich und deine Familie, bleibt gesund!!!