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Erwachen

Zum Weinen: So war meine Stimmung vor ein paar Tagen. Passend zum Gründonnerstag, der ja laut mancher Wortherkunftstheorie von dem Wort „Greinen“ kommt, was mit Klagen und Jammern zu tun hat. Irgendwie hat sich da in Richtung Gründonnerstag etwas zusammengebraut, stimmungsmäßig, vielleicht hatte auch der Vollmond seine Kräfte im Spiel, auf alle Fälle war mir nicht nach Lachen zumute. Es kroch da so schön langsam was um mich herum, begann mich zu umschließen und in sich hineinzuziehen. Die Herausforderungen der letzten Wochen waren auf der einen Seite intensiv und ermüdend, auf der anderen Seite waren sie dauernde Beschäftigung und Ablenkung vom Rundherum. Ist erst einmal eine große Anspannung weg, kommt viel Luft und Platz – und das Nachsinnen. Um dem Ganzen noch ein i-Tüpfelchen aufzusetzen, zankten sich meine zwei Burschen den lieben langen Tag und an jenem Abend, an dem sich Jesus und seine Jünger um einen Tisch versammelt hatten, mussten wir unsere zwei Jünger in getrennten Räumen beherbergen, um das Schlimmste zu vermeiden. 

Zum Greinen also ... und in dieser Stimmung hätte ich diesen Text geschrieben, wäre mir da nicht etwas dazwischen gekommen: eine liebe Freundin, der auch zum Greinen war. So saß ich abends nicht am Schreibtisch, sondern machte einen ausgedehnten Spaziergang entlang unseres schönen Baches – zu zweit, im gebotenen Abstand selbstverständlich, und dennoch einander nahe. Gemeinsam Dampf ablassen tut manchmal so richtig gut, sich gegenseitig ähnliche Begebenheiten erzählen und schlussendlich darüber lachen. Damit entstand dieser Text – Fügung und Freundin sei Dank – erst einen Tag später. 

 

Jener Tag, den die Anhänger der katholischen Kirche im Gedenken an schreckliche Ereignisse begehen, war für mich ein ganz besonderer Tag des Lichtblickes. Herzerfrischend. Meine Auszeit in Form eines Waldlaufes hat mich so einiges verstehen lassen: Wir Menschen sind klein. Und wir Menschen nehmen uns sehr wichtig.

Die Welt besteht unter anderem aus einer Vielzahl an Personen. Ja, die Welt, das sind auch wir. Doch hier bitte nun die spezielle Betonung auf unter anderem und auch. Es gibt nämlich nicht nur uns Menschen. Es gibt nicht nur unsere Schulen und Kindergärten, unseren Tourismus, die Hotellerie, unsere internationalen Unternehmen, es gibt nicht nur unser Bestreben, stets wirtschaftlich erfolgreich zu sein, es gibt nicht nur die Sorge, ob und wie das eine oder andere Geschäft in Zukunft weitermachen wird, es gibt nicht nur unser Bestehen und Überleben in Zahlen ... Es gibt eben nicht nur uns Menschen auf dieser Welt.

 

Es gibt die Natur. Aus der kommen wir, von der leben wir, in der wächst das, von dem wir uns ernähren. Und diese Natur, das hat sie mir in dieser einen Stunde da draußen auf so wunderbar herrliche Weise gezeigt, diese Natur kennt keinen Stillstand! Es dreht sich das Rad der Zeit in dieser Natur. Wo vor vier Wochen noch Schneewiesen waren, grünt es nun, im Wald beginnt an einem meiner Lieblingsplätze der vereiste Tümpel aufzutauen, zur großen Freude der Amsel, die ich an diesem Tag bei ihrem Morgenbad gestört habe. Mitten auf dem trockenen, von Wurzeln durchzogenen Waldweg, auf einem äußerst unwirtlichen Platz, wachsen helllila Krokusse, als ob sie sich für mich dort als Frühlingsgruß hingepflanzt hätten. Die unterschiedlichsten Vogelarten fliegen ihre tanzenden Paarungsflüge, der Habicht erhebt sich über dem Feld, hungrig vom Winter, auf Beutezug. Am höchsten Punkt meines Waldlaufes angelangt, setze ich mich auf einen Baumstumpf und genieße die Stimmung der Waldlichtung. Mein Stillsitzen zeigt mir auch hier zarte Lebenszeichen: Gleich neben mir sitzen unzählige Knospen auf einem sonst noch winternackten Strauch, mein Blick zum Boden lässt Gänseblümchen neben Gänseblümchen auftauchen, und schlussendlich erklären mir ein paar Ameisen, dass ich schon etwas lange auf ihrem Arbeitsplatz gerastet hätte: Wir haben was zu tun! Lauf du ruhig weiter. 

Unter den Weiden bringt mich das Summen hunderter Bienen zum Staunen. Sie finden wenig Nahrung, hier in unserer Region um diese Zeit, die Blüte der Obstbäume lässt noch auf sich warten. Doch sie finden etwas, verlässlich, jedes Jahr wieder. Schweifte vor Kurzem mein Blick noch über schlafende Wiesen mit so manchem Schneefleck in den Schattenwinkeln, so beginnt es nun überall zu wachsen, farbig und lebendig zu werden. Ja, zugegeben, der Bauer erwacht auch mit der Natur und bringt seine Misthaufen aus. Doch wer gerne Milch in seinem Frühstückskaffee, Butter auf seiner Osterpinze und Weihfleisch auf seinem feierlich gedeckten Ostertisch hat, der muss sich wohl mit dem Mist abfinden. Der gehört unumstößlich dazu. Vom Mist also wieder zum Einatmen der Natur. Plötzlich verblüfft beim Vorbeilaufen der noch ungewohnte Duft eines in voller Blüte stehenden Frühlingsstrauches, und ich denke mir: Nichts steht still. Die Natur zeigt uns, dass alles in ihr seinen Fortgang hat. Nur für uns ist dieser Fortgang etwas verändert und verzögert. Das, was wir an lieben Gewohnheiten vermissen, wird später wiederkommen. Das, was wir allerdings für das tägliche Leben brauchen, das wächst auch heuer wieder in Gärten und Feldern, auf Bäumen und Sträuchern, gedeiht wieder auf Wiesen und in Wäldern, unaufhaltsam und ganz natürlich.

In diesem Sinne: Frohes Erwachen – Frohe Auferstehung – Frohe Ostern!

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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