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Gemischte Gefühle

Eine Woche „neue Normalität“, die sich ganz gut, doch so gar nicht normal anfühlt.

 

Ich konnte einige erfreuliche Momente erleben: Die kleinen Läden im Ort sperrten alle wieder auf. Schön, wieder etwas Leben in und um sie zu sehen. Auch Freundlichkeit und Disziplin konnte ich überall spüren. Keine Ungeduld, kein Unverständnis bezüglich strenger Regeln, nur die Freude darüber, wieder die Dinge an den gewohnten Plätzen einkaufen zu können, dankbar, einen kurzen Austausch mit Blumenhändlerin, Handarbeitsstuben-Fee oder Schreibwarenverkäuferin zu haben. Die Angestellten in den Lebensmittelgeschäften bedienen nicht nur freundlich vor Ort, sie packen auch unermüdlich große und noch größere Bestellungen in dicke Einkaufstaschen und Kartons, um jenen Menschen frische Ware zu liefern, die sich nicht vor die Haustüre trauen oder trauen dürfen. Handwerker kommen wieder, nicht ins, aber ums Haus. Welch eine Freude des Wiedersehens, sie haben uns letztes Jahr ein wunderschönes neues Zuhause gestaltet! Nach dem Winter nun die gemeinsame Freude des Geschafften, nur ... mit Abstand. Wie gerne hätte ich die Hand unseres Baumeisters, des Ofensetzers, des Tischlers geschüttelt, die uns jetzt noch ein bisschen helfen, unser Rundherum zu verschönern. Mit einem Lächeln aus zwei Meter Entfernung müssen wir uns begnügen. Es gibt mir immer wieder einen Stich ins Herz. Doch das ist ja nur eine geringe Einschränkung. Wir kommen schon wieder zusammen.

 

Ein bisschen traurig, doch viel mehr erstaunt war ich, als ich die Schilderung der Zustände vor gewissen Baumärkten seitens meines Mannes hörte. Erinnert hat mich das Ganze an das Lied „Die heiße Schlacht am kalten Büffet“ von Reinhard Mey. Bedenklich, sollte doch eigentlich der Wiedereinstieg in die „neue Normalität“ beschaulich und entschleunigt, mit Ruhe, Abstand und Vernunft vonstattengehen. Oje, kann ich da nur sagen, da sind manche Vertreter unserer Gesellschaft aber meilenweit entfernt davon. Zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wär’ ... (das ist auch von Mey). Mein Mann hat aus großer Entfernung dann doch entschieden, den Rückzug anzutreten. Es muss ja nicht diese Woche sein.

 

Natürlich bleiben freudige Ereignisse nicht aus, die einen in diesen Zeiten allerdings dennoch nachdenklich stimmen: Eine liebe Freundin ist Mutter geworden, fernab von der Heimat, auf einer der Kanarischen Inseln. Die Flugzeuge, die sonst die Wiegenbesuche dorthin gebracht hätten, sind für lange Zeit gelandet, wann sie wieder abheben dürfen, steht in den Sternen. So gibt es Baby-News nur über die modernen digitalen Kanäle – fühlt sich auch irgendwie steril an. Doch zumindest können sie kommunizieren.

 

Jemand anderes konnte in einer sehr gefühlbehafteten Zeit fast gar nicht mehr kommunizieren. Eine Herzensfreundin hat ihren Vater verloren, vor ein paar Tagen. Dieser liebe Mensch verbrachte die letzten Monate in einem Altenwohnheim. Keine Besuche waren möglich in den letzten Wochen, und alle seine Kinder spürten, dass es ihm nicht gut ging. Telefonieren ging nur in eine Richtung, der Vater konnte erzählen, hinein in ein für ihn stilles Telefon, denn das Hören funktionierte hier nicht mehr. Keine Begleitung der Familie in jenen Wochen, in denen die Kraft immer mehr wich. Im Grunde kamen die Kinder nur mehr zum Verabschieden. In so einer Zeit des Aus-dem-Leben-Weichens nicht mehr mit seinen Liebsten sein zu können, muss ganz ganz schwer sein. Und das ist nur ein Beispiel für viel Schwere, die sich dieser Tage auf solche und ähnliche Situationen legt. 

 

Vieles ist wiederbringlich, ist aufzuschieben, ist nachzuholen. Manches jedoch nicht. 

 

So möchte ich jedoch meine Zeilen diese Woche nicht enden lassen. Einmal noch komme ich zurück zu Reinhard Mey. Im März hat er ein Wohnzimmerkonzert aufgenommen und ins Internet gestellt, um es mit allen zu teilen. Hört es euch an – es sind wunderschöne Texte!

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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