Schaurig-schöne Sinneswelt

Wie eine Katze in der Nacht sehen können, hören wie eine Fledermaus, riechen wie unser Nachbarhund ... Es ist spannend, was die Natur alles auf Lager hat und im Vergleich zu so manchem Tier könnte man sich als Mensch in diesem Sinne minderbemittelt fühlen. Doch so schlecht, finde ich, sind wir dann auch nicht ausgestattet. Gerade das letzte Mal im Wald habe ich mir das gedacht. Um fünf Uhr in der Früh, die Sonne versteckt sich noch hinter den Bergen, besingen die Vögel schon in all ihrer Vielfalt den Beginn des neuen Tages. Ein Klangspektakel! Doch siehe her, gleich einmal ist der eine oder andere visuelle Sinnesreiz so stark, dass er das Gehör auf die Nebenspur schickt. Im Laufen kann ich nicht die Augen schließen und mich nur auf die Ohren konzentrieren, also genieße ich auch die optischen Eindrücke. Dann meldet sich die Nase zu Wort: Der Geruch des taufrischen Grases unter meinen Schuhen fängt meine Aufmerksamkeit ein. Die linke Hand streift einen feuchten Farn und bekommt ein paar kühle Tröpfchen ab. Gut fühlt sich diese Frische an. Dann fliegt ein Taubenpärchen von der Waldlichtung auf. Die Augen übernehmen wieder das Steuer. So geht es eine Weile hin und her, bis ich mich, am Ziel meines Laufausflugs angelangt, auf meinen mir angestammten Baumstrunk (sozusagen meinen Stamm-Platz) setze und in Stille den Moment in mich aufnehme. So, nun geht’s: Augen zu. Lauschen. So unterschiedliche Vogelgesänge! So viele verschiedene Stimmlagen, Melodien, Betonungen! Nein, diese Details hätte ich mit gleichzeitig aktiven Augen und aktiver Nase nicht wahrnehmen können – sie lässt sich teilen, die Wahrnehmung, doch sie setzt auch Schwerpunkte. 

 

Alle setzen wir diese Schwerpunkte, immer und überall – unbewusst natürlich, doch für uns deutlich spürbar! Und wie die Großen, so die Kleinen. Manchmal sind es sehr komische Situationen, die daraus entstehen. Beim gemeinsamen Mittagessen zum Beispiel: Meine Tochter, mein Mittlerer und ich unterhalten uns über den Besuch vom kommenden Wochenende. Unser Jüngster ist so vertieft in seine Suppe (er betrachtet gerade voll Hingabe, wie die einzelnen Salzkristalle aus der Salzmühle von der Suppenoberfläche verschluckt werden, und er ist so fasziniert davon, dass ich befürchte, die Suppe wird schlussendlich völlig versalzen sein, da dieses Schauspiel auch bei häufiger Wiederholung spannend bleibt), dass er unserem Gespräch nicht folgt. Manchmal muss dann aber nur das richtige Stichwort fallen und in derselben Sekunde ist die Aufmerksamkeit des Kindes eingefangen. „... vielleicht können wir ja dann wirklich gemeinsam baden gehen ...“ „Baden? Heute? Es schüttet doch draußen?!“ Das ist dann der Einwand unseres Jüngsten, des Salzforschers. Natürlich regnet es. Er hat ja nur einen Happen aus dem ganzen Gespräch aufgeschnappt und weiß nicht, dass es ums Wochenendprogramm geht. Und so, beobachte ich immer wieder, entstehen auch Missverständnisse. Gespräche finden statt, manche nehmen ganz daran Teil, andere eben nur am Rande. Werden sie plötzlich von einem für sie interessanten Informationsbrocken gestreift, fokussieren sie die Aufmerksamkeit blitzschnell woanders hin, springen auf die Unterhaltung auf. Das alles aber mitten in eine Situation hinein, ohne Zusammenhang. Und schon entsteht im besten Fall der wunderbarste Geschwisterzwist! Da braucht es dann, gerade im Fall von manchmal in gröberer Disharmonie lebenden Brüdern, oft ganz schnell eine Schiedsrichterin, um rasch zu klären, worum es wirklich ging. Letztens auch wieder: Ein Gespräch über die Schule. Mein Mittlerer erzählt mir frustriert, dass es, seit langem wieder einmal, Zoff im Schulhof gab. Der Jüngere studiert dieses Mal nicht die Versenkung der Salzflocken, sondern plagt sich mit der widerspenstigen Ketchupflasche, die nichts von ihrem Inhalt hergeben will. Er ist schon etwas gereizt, da fangen seine Ohren plötzlich den Wutausbruch des größeren Bruders ein: „... der zipft mich so an! Das gibt’s ja wohl nicht, in seiner Nähe könnte ich manchmal wirklich explod... „ „Heee, was hab’ ich jetzt bitte schön getan?! Wenn das blöde Ketchup einfach nicht raus will!“ Das Eröffnen eines Streits mit Ketchupflasche im Anschlag ist äußerst gefährlich, da muss die Schiedsrichterin sofort reagieren, um Schlimmstes zu vermeiden. „Gar nichts hast du getan. Rauf du mit deiner Ketchupflasche weiter, wir raufen in Gedanken mit dem Schul-Oberracker. Schau’n wir, wer gewinnt.“ Schallendes Gelächter. Nicht immer verläuft es so glimpflich, aber gut, beim Fußball ist der Schiri auch nicht immer im richtigen Moment zur Stelle. 

Über das ganz spezielle Hören gibt es übrigens eine faszinierende Darstellung von Evelyn Glennie, Percussion-Künstlerin, die im allgemeinen Verständnis „gehörlos“ ist („What do artists do all day?“ oder Trailer zu ihrem Dokumentarfilm „Touch the Sound“).

 

Der Geruchsinn ist mir manchmal fast etwas unheimlich. Kennt ihr das? Ihr kommt irgendwo hin, wo ihr vielleicht ganz fremd seid, und plötzlich ist da ein Geruch, den ihr kennt, der euch um Jahrzehnte in eurer Lebensgeschichte zurückversetzt – an einen Ort, in ein Erlebnis hinein, mit allen Einzelheiten und Gefühlsbewegungen, die man eben genau dort und damals erlebt hatte. Das Geruchsgedächtnis ist sensationell exakt und zuverlässig! Und unglaublich, wie stark solche Geruchserinnerungen mit Emotionen verbunden sind. Oder eher anders überlegt: Wahrscheinlich hat man gerade deswegen dieses Erinnerungsvermögen? Weil es ganz starke Emotionen waren, die man in diesem Moment durchlebte, und dann war da eben noch dieser Geruch, der sich auf alle Zeit in unsere Erinnerung prägt und eindeutig mit diesem Ereignis verbinden lässt? 

 

Die Welt ist voller Geheimnisse, Überraschungen und Wunder. Es bleibt uns ganz oft nur zu staunen. Stehen zu bleiben, bewusst zu hören, konzentriert zu schauen, in Ruhe zu riechen, mit Genuss zu schmecken, leise zu tasten, und wieder zu staunen.

 

Und nicht selten, wenn ich mir in der Natur solcher Detailschönheiten, solcher Einzigartigkeiten in Farbe, Klang oder Konsistenz, solcher Formenzauber bewusst werde, meldet sich leise eine innere Stimme zu Wort, die nach der Kraft und Inspiration fragt, die hier dahintersteckt ...

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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