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Glücksvogel

 

Sommerregen – ihr kennt mich schon, ja genau, Inspirationsquelle Nummer Eins. Die Natur wäscht sich gerade wieder selbst sauber, versorgt sich, nährt sich, erfrischt und erquickt sich.

 

Dieser Tage zeigt sie sich mir in noch nie zuvor gesehener Weise zum Greifen nahe, sie bringt mich zum Staunen und zum Dankbarsein: Vor unserem Haus, auf einem der Holzbalken des Schuppendachs, hat ein Gartenrotschwanzpärchen sein Nest gebaut. Diese Woche sind vier Junge geschlüpft. Zuerst nur an ein paar zarten Federn auf ihren Miniaturköpfchen zu erahnen, können sie nun, ein paar Tage später, schon hoch zwitschernd, die Hälse reckend und die kleinen gelben Schnäbel weit aufsperrend, Vogelmutter und -vater zu immer weiterer Fütterung auffordern – das Linke (von unserer Haustüre aus betrachtet) ist das Frechste, das Mittlere steht dem Linken nicht viel nach und das Rechte und das Hintere können sich in den nächsten Tagen hoffentlich auch so gut durchsetzen, dass sie trotz stärkerer Geschwister groß, laut und selbständig werden. Die Natur ist voll wundersamer Dinge, und ein kleines Wunder hat sie heuer auf unseren Schuppenbalken platziert. Es ist wie ein Geschenk, ein Einzugsgeschenk der Natur quasi. Als würde sie sagen, „schön, dass ihr jetzt da seid, ich bin auch rund um euch herum und möchte in eurem Garten wachsen und gedeihen. Mit Wurzeln, Blättern, Halmen, Blüten, Früchten, Flügeln und Schnäbeln.“ Du bist willkommen, Natur!

 

Nicht nur die vier kleinen Piepmätze haben mich heute in der Früh erfreut und mir in meinem ganz persönlichen Alltagstrott etwas Einhalt gebeten (sonst bleibe ich nicht so oft bei der Haustüre oder beim kleinen Fensterchen in der Garderobe daneben stehen, um auf meinen Schuppenholz-balken zu blicken). Der heutige Tag ist gespickt von vielen kleinen Zufällen, die das Heute zu eben etwas anderem als einem ganz gewöhnlichen Tag werden lassen.

 

Zum Beispiel konnte ich die Tatsache, dass wir heute allesamt bis halb acht geschlafen haben, mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen, da die großen Kinder in der Heimschule sind, der Kleine den Egal-wann-du-kommst-Kindergarten genießt, mein Mann erst nachmittags die Patienten begrüßt und ich sowieso immerwährende Gleitzeit habe. Da gab es doch tatsächlich plötzlich unter der Woche ein gemeinsames Frühstück um halb neun! Mit viel Zeit, Lachen und gutem Appetit. Glückspäckchen Nr. 2.

 

Später als gedacht, dafür umso besser gelaunt, bin ich dann im Büro gelandet. Ein e-mail: Vielen Dank für die rasche und perfekte Erledigung. Manchmal brauche ich diese kurzen Sätze. Ein knappes Feedback, das so viel zurückgibt. Das ist für mich die schönste Belohnung für meine Arbeit. Balsam auf meiner Seele. Glückspäckchen Nr. 3.

 

Ein Anruf am Praxistelefon: „Einen schönen Gruß an Ihren Mann. Unser Alltag mit dem Kleinen hat sich völlig verändert. Wir wissen gar nicht, wie wir danken können.“ Haben Sie schon. Mehr Dank als eine lachende Stimme der Mutter und ein friedliches Kind im Hintergrund braucht es nicht. Glückspäckchen Nr. 4.

 

Nun bin ich dran: Wenn mir heute alle Gutes tun, möchte ich auch. Freude zu bereiten ist nämlich mindestens genauso schön wie dankbar zu empfangen. Ein guter Freund hat geschickte Hände. Die brauchten wir im Frühling bei den Arbeiten an unserem Schuppen (ja, genau an dem, der nun Herberge für eine entzückende Gartenrotschwanzfamilie ist!). Dieser Freund nimmt kein Geld, wenn er hilft. Er hilft einfach. Wir haben an diesem Tag damals gemeinsam zu Mittag gegessen. Das, so unser Freund, sei Entlohnung genug. Er ist leidenschaftlicher Leser und Teetrinker, das weiß ich. So schicke ich ihm heute eine Auswahl an erlesenen Schwarzteesorten mit ein paar netten Worten nach Hause. Und male mir aus, wie er dreinschaut, wenn er dieses Päckchen bekommt. Ich liebe Überraschungen! Vielleicht er auch. Glückspäckchen Nr. 5.

 

Ihr meint, das wäre schon genug? Nein, es geht noch weiter! Mein Kopf mag oft die geballte Ladung Energie in der schwülen Sommerluft vor dem Erleichterung schaffenden Gewitter nicht allzu gerne. Also bat ich meine Burschen, dass sie mich nach erfolgtem Küchendienst ein bisschen ruhen lassen. Eine halbe Stunde Ewigkeit, in der ich es nicht glauben konnte, dass sie nichts, aber auch gar nichts zu keppeln fanden! Glückspäckchen Nr. 6, wenn auch nur im Schlummer, so doch dankbar wahrgenommen. Ja, das waren jetzt wirklich schon einige. Erholt, zwar immer noch die auf sich warten lassende Entladung herbeisehnend, aber dennoch guter Dinge, schleiche ich mich ins Büro. Die Eintracht im Spiel hält noch an und ich kann doch tatsächlich, mit drei lebendigen Kindern im Haus, meinen administrativen Arbeiten nachgehen. Glück hoch drei! Der Abend ist heute frei!

 

Und dann kommt doch noch das kühle Nass vom Himmel. Erfrischend. Erleichternd. Reinigend. So, und nun sagt mir bitte, wem ich für all dieses Glück, in kleinen genussvollen Portionspackungen über den Tag verteilt serviert, danken soll? Eine Idee hätte ich wohl ...

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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