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Klappertopf im Kopf

Na, die sieht aber unausgeschlafen aus heute. Hat wohl gestern mit ihren zwei Begleiterinnen eins draufgemacht. Schaut ja auch wirklich sehr abenteuerlustig aus, das Trio. Ach, Vater und Sohn sind auch wieder da. Ein schrulliges Zweiergespann, der Vater später Berufsaussteiger und Umsattler, der Sohn Weltenbummerl und Neugieriger, außerdem Barfußgeher. Schöne Kombination. Oh, jetzt kommt die Midlife-Crisis-Lady mit ihrer Flohkiste, äh, ihrem Hund. Schwer auf der Suche, einsam, versucht in der Gruppe irgendwo Anschluss zu finden. Der kugelrunde Bäcker, der sich gerne hören lässt und auch nicht ungern zeigt, dass er was weiß. Gut, so lange seine Fragen Fragen bleiben und nicht zu Selbstdarstellungen werden, ist es gut. Ah, da kommt noch meine Freundin. Spät dran heute. Sie hängt mir an den Lippen, von früh bis spät. Natürlich, dafür bin ich ja da – ihr Deutsch ist so gut wie mein Tschechisch. Hello hier. Guten Morgen da. Griazi und Bonjour. Los geht’s. Volle Konzentration voraus. Keine Gedankenumherschweiferei mehr. Vorsicht, Frau Dolmetscherin, sonst werden Ihnen gleich viele Dinge entgehen. Fokussieren! Der neue Vortragende kommt. Wie wird er wohl sein? Werde ich seine Stimme mögen? Seine Ausstrahlung? Werde ich mich auf ihn gut einlassen können? Auf seinen Rhythmus? Seinen Humor? Seine Gedankensprünge? Dolmetschen hat viel mit Sprache zu tun. Dolmetschen hat auch viel mit Fachwissen zu tun. Dolmetschen hat jedoch am allermeisten mit Menschen zu tun. Wenn die Harmonie zwischen Vortragendem und mir Dolmetscherin passt, brauche ich um die Hälfte weniger Aufmerksamkeit für eben diese Zwischenebene, dann kann ich mich ganz auf die Inhalte einlassen. Es gibt nichts Schwierigeres als einen Vortragenden, dessen Logik ich nicht nachvollziehen kann, der wenig authentischer Selbstdarsteller ist, dessen Reaktion auf Fragen sich eigenwillig oder überheblich anfühlen, dessen Witze ich nicht witzig finde. Da wird es dann zur reinen Überwindung, mich als Sprachrohr einer solchen Person hinzugeben! Ist glücklicherweise in meiner Laufbahn erst einmal vorgekommen. Was für ein Leichtes ist es umgekehrt, wenn ich mich von Anfang an gut verstehe mit dem, dem ich meine Stimme in der anderen Sprache leihe. Wenn ich ihr oder ihm gut zu folgen vermag, im selben Rhythmus denke, die gebotenen Inhalte interessant finde und über Ähnliches schmunzeln kann. Und die Stimme. Höre einer Stimme einen ganzen Tag zu, die dir nicht gefällt. Das ist das Schlimmste. Nein, nicht das Schlimmste. Das ist das SCHLIMMSTE! Nasale Stimme, das geht gerade noch. Kleine, zaghafte Stimme – nicht ungut, aber überaus anstrengend, weil man so viel Energie ins Hören stecken muss und fürs Formulieren so wenig bleibt. Schrille Stimme – bitte nicht! Da könnte ich davonlaufen. Eher die Lauscher zuklappen als sie gespitzt halten. Umso besser, wenn die Stimme gut ins Ohr geht. (Kurze Frage: Wer sagt, dass die Zuhörer alle meine Stimme mögen? Hm, diese Frage habe ich mir schon lange nicht mehr gestellt. Nur nicht unsicher werden. Ich bemühe mich doch immer um eine getragene, nicht aufgeregte, aber lebendige Stimme. Sie werden sie mögen, hoffe ich halt ...)

 

Also, es geht los. Alles andere ausblenden. Baby weint im Hintergrund. Betrifft mich nicht. Katze kommt angeschnurrt. Lass dich von wem anderen streicheln. Die Enten quaken oben am Teich einen lautstarken Guten Morgen. Quakt ruhig. Der Wind frischt auf. Na, es wird schon noch eine Weile halten, noch sehen sie nicht zu grimmig aus, die Wolken. Hut habe ich in der Hand, Regenjacke griffbereit. Es fängt gut an. Vorstellung: gelungen. Einsteigerwitz: angekommen. Interessantes Thema. Angenehm warme, kräftige Stimme. Ich bin im Fluss. Alle Fachtermini griffbereit im Oberstübchen. Alles abrufbar. Es fühlt sich richtig an. Wie ein Dahingleiten eines Wellenreiters auf der Krone einer langen Welle. Fast unbeschwert, mit kleinen Unebenheiten hie und da, doch sicher und getragen, stabil, rund, ... Da kommt der Klappertopf daher: Ich habe schon einmal von ihm gehört, schon einmal verstanden, wie er wächst und wirkt, doch das war letztes Jahr. Und ich habe vergessen zu recherchieren, wie diese vermaledeite Pflanze auf Englisch heißt! Ich kann es nicht ableiten, schwerlich die Wortteile als solche übersetzen. Ich suche noch ein bisschen in meiner spontanen Kreativität, es bleibt mir nichts übrig, ich muss ihn umschreiben. Gerade noch gut gegangen. Doch dann kommt die größte Gefahr: Nur nicht am Klappertopf hängenbleiben! Weiter dem Vortrag folgen, weiter souverän so tun, als ob nie etwas abgegangen wäre, weiter konzentriert bleiben ... Klappertopf ... Wenn er doch nur nicht auch noch so einen klingenden Namen hätte!!! Er geht mir nicht aus dem Sinn ... Klappertopf ... schiebt sich von neuem zwischenrein. Wir sind schon längst bei einem anderen Thema, immer wieder kommt er zum Vorschein, meldet sich lautmalerisch in meinem Hirnohr, lenkt mich ab. Ruhig jetzt! Du hast Pause, Klappertopf, ich werde dich heute noch kleinkriegen, ich werde dich kaltschnäuzig im Online-Wörterbuch eingeben, deine englische Entsprechung finden, dich notieren, dich auswendig lernen, und dich am Tag drauf, überlegen und überraschend, dem Publikum im Nachhinein servieren, auf einem silbernen Benennungs- und Definitionstablett, werde alle damit erstaunen, dass ich es extra für sie nachgesehen habe, und so meine Wissenslücke mit Offenheit und Spezialservice übertünchen. Aber jetzt: Klappe, Klappertopf!

 

Ein paar Mal hat er sich noch gemeldet, so ganz leise, zaghaft, ich konnte ihn mit einem Schmunzeln wieder ins hinterste Hinterstübchen verjagen. Ein hartnäckiger Geselle, doch nicht unbeugsam. Zu Hause am Computer dann die ernüchternde Lösung: Ganz wörtlich wäre es nicht gegangen, doch hätte ich vom Klappertopf zur Klapperschlange hingedacht und mir überlegt, dass es ja ein Unkraut ist, ich hätte mir den Namen doch zusammenreimen können. Nicht ärgern im Nachhinein, die Strategie für den Tag darauf steht ohnedies schon fest: Schritt nach vorne, offenes Geständnis, lächeln, abhaken.

 

Oh, lieber Sandmann, lass mich nur nicht vom Klappertopf träumen!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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