· 

Ansichtssache

 

Schreiben, schreiben, trallalla. Laut am Vormittag gefasster Absicht bin ich seit zwei Stunden dran, na das gelingt ja wunderbar. Zuerst noch die nach wochenlangem Herumtragen des guten Vorsatzes endlich gekauften Blumen in den Terrassentontopf einsetzen. Die haben schon so lange Wurzeln und möchten sich endlich ausstrecken. Vor allem müssen sie die längst überfälligen Frühlingsveilchen aus dem Topf werfen. Ich bin zwar mit Blühpflanzen sehr geduldig und nachsichtig und finde sie mindestens doppelt so lange schön wie so manch andere, doch irgendwann ist dann Schluss. Also her damit, der Abend ist ja noch jung. Was, Fußballspielen wollt ihr? Jetzt noch? Nach drei Stunden unter Wasser, Eis, Radfahren, Abendessen? Nur, wenn’s ohne Streit geht! Geht natürlich nicht. Nach fünf Minuten hätten wir aus der Küchen-Schiedsrichterloge bereits vier rote Karten verteilen können. Dass das nicht funktioniert!?! Zwei Burschen, fünfhundert Quadratmeter Grün und nur Zwist? Sie wollen unbedingt, sie versuchen es Tag für Tag wieder, doch es gelingt nicht. Lass sie, sie werden es schon überleben. Brüder müssen streiten. Das Lassen gelingt wiederum mir schwer. Ruhig Blut, duschen gehen, schlechte Energie runterspülen, erfrischt ins Büro. Auf einmal: Musik aus der Ferne, klingt nach Trachtenmusikkapelle im Ort. Es schallt herunter zu mir. Die Melodien sind mehr oder weniger bekannt, dort und da einmal gehört. Sie ziehen meine Gedanken beim Fenster hinaus in Richtung Kirche. Das ist ja wohl wieder einmal pure Ironie!!! Gestern wollte ich mit voller Aufmerksamkeit bei der Musik sein und schaffte es kaum und heute will ich nicht und bin es!

 

Gestern, ja das war was. Ein großartiger Geiger gab sein Geschick und seine Passion zum Besten. Und dann waren da so viele Ablenkungen! Zuerst das ganze Heckmeck wegen der mit Abstand ungemütlichsten Sitzordnung seit langem. Ein Hin- und Herrutschen, unglaublich geduldiges Bemühen der Platzanweiserin, unglaublich umständliches Befolgen oder auch Nichtbefolgen der Regeln durch die Zuhörer, dann endlich Ruhe. Neben mir, auch erforderlich durch Abstand schaffende Leerplätze in den Kirchenbänken, knarzende Plastiksessel-Arrangements. Manche können ja sehr ruhig sitzen, manche allerdings gar nicht. Bach. Partita Nr. 2 d-Moll. Allemanda. Knarz. Corrente. Knarz, knarz. Sarabande. Knaaarz. Gott sei Dank, es wird wieder lauter. Giga. Knarz. Ja Himmelherrgott nochmal – dreißig Minuten still sitzen, das können ja sogar schon Volksschüler!!! Dieser Herr neben mir kann es nicht. Ciaccona. Knarz, knarz. Dann kommt die Fliege. Bissig. Ich kenne sie schon aus dem letzten Sommer. Vielleicht nicht genau sie, eher eine Großgroßcousine dritten Grades mütterlicherseits. Artenspezifisch allerdings gleich bissig. Das gibt es doch nicht – wieso immer auf mich?! Also entweder lauern hier einhundertundfünfzig bissige Fliegen oder meine Haut schmeckt besonders gut. Auf alle Fälle hat sie es wieder auf meine Beine abgesehen. Hartnäckig, schnell und wendig, verflixt geschickt. Blöd, hätte ich mir wohl merken können vom letzten Jahr, dass langes Hosenbein geschickter wäre als feines Sommerkleid! Fliege kleingekriegt, ... knaaarz. Das darf ja wohl nicht wahr sein! Fokus, Eva, Fokus! Es gelingt. Besser. Vielleicht ist die Unruhe des Tages im ersten Teil des Konzerts auch noch stärker in mir, die Gedanken hängen zu Hause, ob auch alles gut geht (neue Kindersitterin – ob die sich als Fußballschiri besser macht als ich?). Vielleicht müssen nicht nur die Fliege und der Nebensitzende zur Ruhe kommen, sondern auch ich selbst. Im zweiten Teil, Beethoven, gelingt es mir besser, mich der Musik, und ausschließlich ihr, zu widmen.

 

Das alles war gestern. Vor exakt vierundzwanzig Stunden. Und nun will ich mich nicht der Musik widmen und dennoch dringt sie an mein Ohr! Widmet sie sich mir, ohne Aufforderung, aus der Ferne. Nicht aufdringlich (sie weiß ja nicht, dass ich Luftlinie 300 m entfernt sitze und schreiben will ...), aber präsent. Fokus, Eva, Fokus! Da kommt ein winziger Störenfried. Eine Mücke. Sie schleicht sich zuerst auf meine Hand, winzig kleines Wesen, nicht einmal ein Bruchteil von einem Gramm schwer, und doch vermitteln mir die kleinen Härchen auf meinem rechten Handrücken, dass da wer ist, den ich nicht eingeladen habe. Es mag vielleicht lächerlich wirken, doch ich kann einfach so, ohne grob fahrlässige Grenzüberschreitung, Mücken nicht zerdrücken. Gelsen erschlage ich – kaltblütig und selbstsüchtig, die wollen mir ja auch was Böses. Aber harmlose Mücken? Na toll – von meiner Hand nun auf die Tastatur. Großschreibetaste. Gut, schreibe ich einstweilen nur klein und bessere das dann aus. Vom Bindestrich über den Punkt zum Komma. Aufs m. Aufs n. Aufs b. Ich will dich nicht erwischen! Hinunter auf die Leertaste. Sie hüpft bei jedem sanften Antippen des Leerzeichens. Hüpf, hüpf, hüpf – Vorsicht! Das war knapp. Nun lass mich bitte einfach schreiben! Was war das? Der Kater kratzt an der Tür. Was willst du denn jetzt? Kuscheln? Ich will doch schreiben. Endlich ist das Jagdhorn still, da schnurrt der schwarze Fellbalg auf meinem Schoß. Na gut, ein paar Minuten. Ich muss meine Gedanken ohnedies erst wieder sortieren. Da hat das Platzkonzert die Verschnaufpause beendet und musiziert fidel weiter. Vom Schnurrer zurück zu den Bläsern ...

 

Ich gebe auf. Die Krähen krächzen dem herannahenden Abenddunkel entgegen. Oder der untergegangenen Sonne hinterher. Ansichtssache. Ansichtssache nun auch, ob ich zum Schreiben noch kommen werde oder dann doch schon gekommen bin ... Was für ein Konzentrationshürdenlauf. Krächz. Trompete. Waldhorn. Krächz. Schnurr. Tuba. Krächz. Schnurrschnurr. Gute Nacht.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    petra heinrich (Sonntag, 02 August 2020 22:59)

    Danke für die Ablenkung! Regen, Sonne, Schnurrschnurr, Blumen, Pferde, Lesen, Leben genießen.....ein echter Lungauer Sommer inkl. Konzerte!

  • #2

    Katharina (Montag, 03 August 2020 08:42)

    ..wie es eben ist �!...Ablenkung...aus der Seele gesprochen...geschrieben...Danke Eva

  • #3

    Heidi (Dienstag, 04 August 2020 23:24)

    ...ich lese dich so gerne, liebe Eva!! Einfach herrlich, deine Texte...� Danke!