Aus zwei Saiten eine Stimme ...

Eine wahre Freundschaft ist ein Geschenk, dessen Wert nur das Herz bestimmen kann. Der Beginn einer Freundschaft kann gleich der Liebe auf den ersten Blick sein. Doch sie muss aus diesem kleinen ersten Feuerkeim wachsen können, muss Zeit haben, stark und robust werden, muss so manchem Sturm standhalten, so manche Dürrezeit überdauern. Ist sie erst einmal eine kräftig gewachsene Pflanze mit guten, widerstandsfähigen Wurzeln, so wirft sie so leicht nichts um. Ein offenes Herz gleicht einem nahrhaften Boden für solche Freundschaftskeime. Leichtigkeit, Toleranz und Wohlwollen schaffen gute Wachstumsbedingungen.

 

Meine Tochter hatte immer schon ein weit geöffnetes Herz. Für uns, ihre Eltern, für die größere Familie, für Tiere, für ihre ganze Umgebung. Eines Wintertages auch für ein anderes, gleichaltriges Mädchen, das in der Nähe unseres Dörfchens urlaubte. Eine gemeinsame Ponykutschenfahrt durch die winterlichen Gässchen war ausreichend und es war um sie geschehen. Um beide. Sie waren gerade erste einmal vier Jahre alt. Es war unfassbar, doch es schien, als ob die beiden in irgendeiner Weise füreinander bestimmt waren. Der Urlaub ging zu Ende, sie hielten Kontakt. Zuerst über Zeichnungen, dann über handgeschriebene Briefe. Sie sahen sich regelmäßig, zumindest zweimal im Jahr. Einmal meistens für ein langes Wochenende bei uns oder im entfernten München, wo diese Freundin zu Hause ist, und einmal einen Familienurlaub lang, entweder zur Pfingstzeit oder im Hochsommer. Jedes Mal wieder war es so, als ob es keine Pause zwischen dem letzten und dem aktuellen Treffen gegeben hätte: unausgesprochene Einigkeit, ansteckendes Grinsen, wortloses Verständnis. Jedes Mal wieder war der Abschied schwer. Und jedes Mal wieder vertrauten die beiden darauf: Das nächste Mal kommt bestimmt.

 

Diese Freundschaft währt nun schon seit zehn Jahren. Die Kommunikation hat sich etwas verlagert, von den entzückenden handgeschriebenen Briefchen mit beigelegter Zeichnung, Sticker oder ähnlichen liebevollen Zugaben hin zu WhatsApp-Nachrichten und Telefonaten. An Innigkeit und Herzenswärme allerdings ist dadurch nichts verloren gegangen. Was auch immer es ist, es hat schon so sein sollen, dass sich diese beiden Kinderseelen bei jener vorweihnachtlichen Kutschenfahrt vor knapp zehn Jahren gefunden haben. Ich wünsche ihnen beiden, dass sie noch lange füreinander da sein können.

 

Von einer ganz anderen, wirklich besonderen Freundschaft habe ich in den letzten Tagen gelesen. Diese Geschichte wird ein Buch, vielleicht kann ich es euch eines Tages empfehlen, wenn es fertig ist, ein sehr ergreifendes Buch. Natürlich, ich darf nicht zu viel verraten. Verschwiegenheit während der Entstehungszeit ist Ehrensache, diese Frucht muss noch reifen. Doch etwas, was in diesem Buch dargestellt wird, ist eine Wahrheit, die ewig Gültigkeit hat: Eine wahre Freundschaft kann einen durch Zeiten tragen, die man alleine nicht durchstehen könnte. Eine Herzensfreundschaft kann weder durch Ort noch durch Zeit getrennt werden. Eine solche Freundschaft kann lebensrettend sein. Und: Wenn ein Freund ein wahrer Freund ist, so braucht es oft auch nur den einen, um sich stark, verstanden und gestützt zu fühlen. Allein der Gedanke an diesen Menschen lässt einen lächeln, lässt es warm ums Herz werden, lässt viele Erinnerungen hochkommen, lässt einen vielleicht, wie bei mir, etwas altmodisch, Zettel und Stift zur Hand nehmen und ein paar Zeilen zu Papier bringen, nur, um dem Menschen zu sagen, dass man gerade an ihn denkt. Die Telefonnummer dieser einen Freundin ist auch die, die man – ohne überhaupt nachzudenken – wählt, wenn es einem nicht gut geht. Bei der man sich meldet, wenn man einen Rat braucht. Oder auch nur ein offenes Ohr. Oder eine Schulter zum Anlehnen.

 

Wegbegleiter gibt es viele. Kurzweilige Bekanntschaften oder auch mit Lebensphasen verbundene Gemeinsamzeitverbringer gibt es im Laufe der Jahre sicherlich etliche. Einige wenige, manchmal vielleicht auch nur eine einzige oder ein einziger, bleiben einem ein Leben lang. Egal, wie weit weg. Egal, wie anders in der Entwicklung. Egal, wie unterschiedlich im Alltag, in der Familienkonstellation, im Beruf. Wenn einmal das Herz bei diesem Freund oder dieser Freundin ist, dann bleibt es da. Es fühlt sich immer richtig an. Immer stimmig.

 

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,

nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,

der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Rainer Maria Rilke (1907)

 

Ich weiß, diese drei Zeilen stammen aus einem Gedicht, das „Liebeslied“ heißt. Und doch, so finde ich, kann man diese Worte ebenso als Beschreibung einer Herzensfreundschaft lesen. Schenkt einem das Leben auch nur eine solche wundersame Freundschaft, man könnte reicher nicht sein.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

Kommentar schreiben

Kommentare: 0