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Täglicher Mentaltrainer

 

Spieglein, Spieglein, an der Wand ... Manch einer und manch eine blicken oft und lang in den Spiegel (Schminken, Augenbrauenzupfen, Feuchtigkeitsmaske, weiß der Kuckuck), um sich subjektiv schöner zu machen, herzurichten, aufzupeppen, zu tarnen ... Doch wer nützt den Spiegelblick schon als Meditationsgelegenheit? Bei mir ist das ein bisschen anders. Ich überlasse in Hinsicht Gestaltung einiges der Natur: Farbe der Haare, Form der Brauen, Tiefe der Lachstrahlen, Schwung der Lippen, Augenkonturen und Teint – soweit alles natural finish. Naturbelassenheit ist doch heutzutage ein Trend in vielen Bereichen, warum denn nicht auch in meinem Gesicht? An einem guten Tag praktiziere ich Spiegelschauen genau zweimal zwei bis drei Minuten. Beim Zähneputzen. Der einzige Moment am Tag, wo ich still stehe, nur eine Sache mache und mir dabei tief in die Augen blicke. Da kann ich nämlich einfach nichts anderes tun nebenbei. Multitasking beim Zähneputzen funktioniert nicht. Nebenbei telefonieren geht nicht – der Mund ist zu voll. (Telefonieren ist sonst nämlich eine Tätigkeit, die ich wunderbar kombinieren kann: mit Kochen, Wäscheaufhängen, Kinderzimmeraufräumen, Unkrautjäten, Blumengießen und ähnlichen nicht sehr konzentrationsintensiven Aufgaben in Haus und Garten.) Nebenbei anziehen geht auch nicht gut. Nebenbei durchs Haus laufen, um noch zu schauen, was ich sonst vergessen haben könnte oder welche Aufgabe mich als nächstes anspringt, geht bei Anwesenheit der Kinder nicht, da ich schließlich mit gutem Beispiel bei der Einhaltung einer der mir wichtigen Hausregeln vorangehen muss (ich hasse Zahnpastakleckse am Holzboden), und bei Abwesenheit der Kinder im Grunde genauso wenig, da Vorbildmanieren ja auch gewissermaßen antrainiert werden müssen. Wenn ich das in Abwesenheit der Kinder häufig mache, vergesse ich in ihrer Anwesenheit hundertprozentig darauf, dass ich es eigentlich nicht machen sollte ...

 

Also absolute Konzentration auf mich und mein Spiegelbild für diese paar Minuten. Ist das immer eine gute Zeit? Hm, also zumindest bin ich Wirbelwind schon einmal zur Ruhe gezwungen. Keine schlechte Sache. Dann muss ich an meine Gesundheit denken. Ganz bewusst. Denn einfach nur ziel- und systemloses Herumrudern im Mund lässt uns auf genau die Problemstellen vergessen, die wir besonders gut pflegen sollten. Die Zahngesundheit ist mir allerheiligst. Damit spaße ich nicht. Diese treuen weißen Begleiter hüte ich äußerst sorgsam. Also Bewusstsein für mich und meinen Körper. Wieder eine gute Sache. So – und dann schlussendlich auch Aufmerksamkeit für mein Äußeres, für mein Antlitz. Mag ich mich heute anschauen? Gefallen mir die Augen? Was spiegelt sich in ihnen heute wider? Freude? Angestrengtheit? Traurigkeit? Zorn? Dann kommt der innere Dialog. Das geht gerade noch parallel zum Zähneputzen. Was kann ich damit machen? Wenn es etwas Negatives ist, kann ich selbst was daran ändern? Kann ich was tun, dass es besser wird? Auf wen bin ich zornig? Und ist es wirklich so schlimm, dass es nicht auszureden ist? Was habe ich gesagt? Was das Gegenüber? Wie hätte ich besser reagieren können? Wie diplomatischer? Kann ich das rückgängig machen? Wäre vielleicht eine Entschuldigung angebracht? Erwarte ich mir eine Entschuldigung von der anderen Seite? Ist es berechtigt, dass ich mir die Entschuldigung erwarte? Wenn solche Überlegungen beginnen, dauert das Zähneputzen oft wohl auch länger als drei Minuten. Oder ich muss zwischenzeitlich, weil der Schaum im Mund dann doch immer mehr und mehr wird und ich kaum etwas schrecklicher finde, als beim Zähneputzen zu sabbern, die Zahnputz-Sitzung beenden und mir dann eine erweiterte Spiegelzeit als bloße Nachdenkpause gönnen (Ausnahmefall!!!).

 

An solchen Tagen – wehe wenn sie losgelassen –, galoppieren die Gedanken nur so dahin. Gerade für kreative Konfliktlösungen sind das goldene Überlegungsminuten. Was mir da oft so einfällt! Das letzte Mal – es war wieder einmal so eine Pattsituation zwischen zwei Dickschädeln –, da kam mir in den Sinn, dass unter unseren vielen noch nicht an die Wand gehängten Bildern ein gerahmtes Foto mit dabei ist, wo man die Köpfe von zwei Yaks sieht, die an den Hörnern zusammengebunden sind, damit sie in der Wildnis von Westnepal, mitten in den Bergen, über Nacht nicht einfach ausbüchsen können. Ein weißer und ein schwarzer Yak. Zwei Dickschädel sozusagen, die nicht voneinander los können, deren Schicksal somit ein gemeinsames ist, und die miteinander ständig Bewegungskompromisse eingehen müssen, sonst zieht der eine den anderen mit in die Probleme. Dieses Bild habe ich einfach im möglichen Blickfeld meines Konfliktgegenübers platziert. Mit einer Notiz: So – oder so? Ich weiß nicht, ob genau das Bild gewirkt hat. Ob es vom Richtigen gesehen wurde und ob es das bewirkte, was ich mir erhofft hatte. Doch allein die Idee, dass ich einen kleinen Schritt in Richtung weiße Friedensfahne gemacht hatte, stimmte mich schon wieder so heiter, dass die eine Hälfte des Grolls verflogen und die andere Hälfte schon nur mehr so schwach war, dass sie nicht mehr viel ausrichten konnte, nicht in mir und somit auch nicht in der Begegnung mit dem Konterpart.

 

Zurück zu meinem Blick in den Spiegel und zu den Augen, Spiegelbildern unserer Seele. Diese zornigen oder gramvollen Augen sind bei mir eher die Ausnahme. Sehr oft gibt es ja gar keine zornigen Augen. Oder traurige. Oder sorgenvolle. Da gibt es strahlende Augen! Leuchtende! Da denke ich mir: Sapperlot, dieses Gesicht schaut fröhlich aus dem Spiegel heraus! Die Sommersprossen, die in den letzten freien Sonnentagen aufgetaucht sind, Zeugen von vielen schönen Stunden mit den Kindern draußen in der Natur, Spuren einer Wanderung oder eines Badetages, die machen es frisch und lustig. Manchmal denke ich mir sogar nur für mich: Kannst wirklich nicht klagen, Eva, du gefällst mir so wie du bist. Nach solch einer Zahnputz-Sitzung brauche ich keinen Mentaltrainer mehr, um mich groß, stark und unbesiegbar zu fühlen, um lächelnd und fröhlich durchs Leben zu gehen und zu sagen: Gut hab’ ich es getroffen! Mit niemandem auf der ganzen Welt möchte ich tauschen!

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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