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Handgriff der Freigebigkeit

Holzdrache, Komfortliege oder Steinblock? Ich suche mir den Stein aus. Er steht am nächsten zum Wasser und ist am besten versteckt. Sollten demnächst Kinderscharen, Urlauber mit ostösterreichischer Sprachfärbung oder freizeitwütige Einheimische auch in der Nähe rasten wollen, hier finden sie mich nicht. Wenn schon ein Stündchen Auszeit, dann ganz in Ruhe. Ein schönes Plätzchen ist das hier, geschaffen ursprünglich von den Naturkräften, gefühlvoll und bewahrend erweitert von Menschen Hand. Das Wasser der Mur plätschert an mir vorbei, unaufhaltsam, Moment für Moment immer der gleiche Fluss und doch immer anderes Wasser, Tropfen für Tropfen erneuert sich dieser Naturstrom stetig und beharrlich und ist doch immer derselbe. Ein faszinierender Gedanke, der mich schon als Kind nicht losgelassen hat. Auch die Wellenspiele zeigen sich immer wieder neu, die weißen Muster der sich an den darunter liegenden Steinen brechenden Wellen sind stets andere, als ob sich eine Wasserformation nach der nächsten noch redlicher bemühte, ein schönes Bild abzugeben. Ein Tanzen und Springen, ein Schäumen, Sprudeln und Einsinken, unablässig und naturkreativ. Der unaufmerksame Blick fängt gleichförmiges Fließen ein, der neugierige, detailverliebte Momenteinfänger stets neu entstehende Schönheit.

 

Das ständige Erschaffen und Neuformen spannt in meinen Gedanken den Bogen hin zum Handgriff der Freigebigkeit, heute Morgen in meinem Dachboden und im gemeinsamen Wandschrank neu entdeckt. Wir alle haben viel, meistens viel zu viel, wir sammeln, horten, stapeln, stauen, lassen unsere gegenständlichen Besitztümer verstauben und uns selbst damit auch. Und es ist kein „Zumüllen“, denn wir besitzen schließlich nicht Müll, sondern einfach zahlreiche kostbare Dinge, die wir in einem Moment gerne hätten und ein paar Momente (Monate, Jahre) später so gar nicht mehr brauchen. Vorstellungen verändern sich, Geschmäcker, Moden, auch Körper und Bedürfnisse. Ja, und so horten wir, verpacken und verräumen wir, manchmal im Glauben, es sicher wieder brauchen zu wollen, manchmal in der Hoffnung, später vielleicht wieder besser hineinzupassen, manchmal einfach der Nostalgie nachhängend, der Erinnerung an eine Zeit des Verwendens und Gebrauchens eben dieser Dinge anhaftend.

 

Und dann gibt es Tage, Momente, wo einfach alles zusammenpasst: der Bedarf an Platz, das Bedürfnis loszulassen, die realistisch-ernüchternde Erkenntnis, dass „Früher“ ohnedies nie mehr „Jetzt“ wird, vielleicht dann zufällig hinzu auch noch die Information einer Freundin, dass gerade in diesen Tagen ganz fleißig für sehr arme, mittellose Menschen in Osteuropa gesammelt wird, vielleicht dann auch noch der Neumond am Himmel, der uns ungeahnte Kräfte für Neues verleiht. Und in dieser wunderbaren Zusammenfügung von häuslicher, individueller und kosmischer Aufatmen- und Erneuerungsenergie packen wir aus und an und räumen statt wieder in die Laden in Bananenschachteln hinein, machen Handgriff für Handgriff Gesten des Loslassens, des Trennens, des Gebens und der Großzügigkeit und fühlen uns befreit, stolz und glücklich gleichzeitig. Stück für Stück. Es ist so leicht, aus dem Vollen zu schöpfen und auszuteilen, man muss sich nur selbst daran erinnern, dass man Volles hat und schöpfen kann. Leicht, frisch, strahlend und neu, wie die weißen Schaumkronen auf den sich unbeirrbar brechenden und spielenden Wellen, fühlt man sich dann. An solchen Tagen haben wir weniger und sind mehr. Hell im Herzen.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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