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Bitte nicht verpflanzen!

Himmelsrichtungen, Aussichten, Plätze: In voller Dankbarkeit blicke ich Tag für Tag aus den Fenstern unseres Hauses: in der Früh von meinem Frühstücksplatz in Richtung Osten der Morgensonne entgegen; am Vormittag aus dem Büro in die noch beschattete Pferdeweide und auf die dahinter immerdar und unverrückbar stehenden Bergspitzen im Westen; beim Kochen in Richtung Süden zu den hohen Nadelbäumen des nahen Nachbarwäldchens; und am Abend dann aus dem großen Wohnzimmerfenster oder von der Terrasse aus der sich neigenden Sonne entgegen. Da darf ich, da dürfen wir leben, unserem Licht- und Wärmegestirn im Laufe des Tages entgegenlachen, seine Helligkeit genießen, seine wärmende Kraft aufnehmen.

 

Manchmal braucht man allerdings auch mit dem schönsten Zuhause einen kurzzeitigen Tapetenwechsel (wobei ich persönlich ja viel eher von „Panoramawechsel“ sprechen möchte, die Tapeten sind mir und meinen Wohnvorstellungen einfach allzu fern). Wir sind die letzten Augusttage also ein wenig verreist – eine gut dreistündige Autofahrt mit diversen Kinder-Boxenstopps (Pipi, Hunger, Pipi, Frischluft, Eislust, Pipi) brachte uns in die südliche Steiermark nahe der slowenischen Grenze, mitten in die Weinberge. Was soll ich sagen? Atemberaubend! Ein Gedicht für die Augen! Ein Ort zum Seelebaumelnlassen! Eine Geschmacksvielfalt von Früchten der Natur, die verführerisch und gesund gleichzeitig sind! Eine äußerst gelungene Komposition von Farbe und Form! Eingebettet in diese prachtvolle Vegetation, in dieses Sprudeln und Sprühen von Sinneseindrücken, kommt ganz sachte die Frage in mir auf: Ist es hier noch schöner? Die Weingärten zeichnen ein gleichmäßig kultiviert-verspieltes Muster in die Naturlandschaft, schwer behangene Reben wechseln sich ab mit Apfel- und sogar einzelnen Olivenhainen, ein warmer thermischer Wind lässt nachmittags die Blätter der Pappeln, Walnuss-, Zwetschgen-, Kirsch- und Birnbäume, der Hibiskussträucher und Weinreben rauschen und rascheln, die spätsommerliche Sonne wärmt immer noch stark, doch nicht stechend, Erde, Wasser und meine Haut, die Abende draußen sind wunderbar mild und laden ein zum Verweilen. Doch ist es schöner? Noch schöner als zu Hause?

 

Wenn man sein Zuhause liebt wie ich, dann ist es viel eher anders schön. Die Verliebtheit in das „Meine“ lässt dort und da einen leisen Mollton in die Wahrnehmung des neuen Schönen einfließen, ein herzensgefühltes „ja, aber“, das in diesem Fall kein Ausdruck des Protests, sondern eine kleine rechtfertigende Stellungnahme ist, warum das jetzige „Hier“ besser geeignet für Urlaub, das heimatliche „Dort“ doch bevorzugt für das Dauerhafte ist. Und wenn es auch selbstverständliche Dinge zu sein scheinen, die diesen Mollton hervorbringen, so sind es für mich doch ganz wesentliche Vorzüge: klares, sauber schmeckendes Gebirgswasser, kühle Nächte, ergiebige Regenfälle, nicht immer nur Weiches und Rollendes, sondern manchmal auch Eckiges und Schroffes für die Augen ... Wahrscheinlich ist es so wie mit der natürlichen Vegetation. Die indigenen Pflanzen sind mit den gegebenen Umständen zufrieden, sie benötigen keine außergewöhnliche Zuwendung und Pflege, um zu gedeihen, sie sind für ihr „Hier“ gemacht, und dieses „Hier“ ist ihr ideales Zuhause. Verpflanzt mich also bitte nicht in die Weinstraße der Südsteiermark! Ich bin gerne inmitten unserer Berge, meine Wurzeln brauchen kühle Jahresdurchschnittstemperaturen, eine gute Winterruhe mit zahlreichen Frosttagen und vor allem: glasklares Quellwasser!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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