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Schluss mit lustig!

Vor ungefähr drei Jahren hatte ich die große Ehre und das ganz besondere Vergnügen, an einem Workshop von Moshe Cohen, einem der außergewöhnlichsten Clowns unserer Zeit, teilzunehmen. Zwei Tage Inspiration, Spaß, Kreativität, Versunkenheit, auch Nachdenklichkeit und Tränen, auf alle Fälle ein ungeahnt schönes Neuland, das ich da entdecken durfte. Es war unglaublich, was wir dort in sehr kurzer Zeit alles ausprobierten, wagten, lernten, ... oder glaubten gelernt zu haben. Auf der Heimfahrt von Salzburg in unseren Gebirgsgau nahm ich mir felsenfest vor, von nun an jeder Konfliktsituation mit einem inneren Lächeln zu begegnen, jegliche Querelen meiner Kinder mit Gelassenheit zu sehen, jedem Ärgernis mit Humor und Leichtigkeit den Schwung zu nehmen. Ja, ja.

 

Ein Heute im Jahr 2020: Mein Arbeitstag war gut, gelungen, die Zuhörer waren äußerst zufrieden, doch eigentlich war es Folter. Es war heiß, meinen Sonnenhut hatte ich am Tag davor liegen gelassen und damit gerechnet, ihn in der nächsten Früh wieder an genau demselben Platz vorzufinden. Da war er nicht. Die Sonnencrème hatte ich natürlich wieder zu Hause im Baderucksack vergessen. Na ja, denke ich mir, es wird schon nicht so schlimm werden, ist schließlich schon September, ein paar Wolken ziehen auch gerade über den Schwarzenberg. Der Vortragende ist im Schwung. Sensationell einzigartig im Schwung. Die Gruppe scheint ihn zu inspirieren. Gute, interessierte und interessante Fragen. Mein englischsprachiges Zuhörergrüppchen ist, wie schon beim letzten Mal, sehr klein, es wird daher simultan flüstergedolmetscht. Die Sonne brennt mir aufs Hirn (die Wolken waren ein trügerisches grau-weißes Bisschen, das sich spätestens eine Stunde später rücksichtslos verzogen hatte). Wassertrinken, hätte ich eine Wasserflasche dabei, geht sowieso nicht, ich bin ja ständig am reden. Eigentlich pure Tierquälerei, und das, wo der Vortragende gerade über artgerechte Tierhaltung spricht! Denkt der auch mal an mich?!? Bin ja genauso ein soziales, intelligentes Säugetier wie das schwarze und gefleckte Alpenschwein ... Keine Pause, sein Elan ist heute unaufhaltsam, er sprüht nur so vor Leidenschaft für seine Vortragsthemen. Die Zuhörer sind ebenfalls passioniert, hängen an seinen Lippen; nur, die können sich in den einen oder anderen Baumschatten verkrümeln, sich hinsetzen, trinken, auch mal abschalten, die Augen zumachen, ... alles erlaubt! Mir nicht. Immer in der Pole-position. Als wir die Mittagspausenzeit bereits um eine halbe Stunde überschritten haben, wird mir schon einmal ein bisschen mulmig im Kopf, als wir eine Stunde drüber sind, schon etwas duselig. Schließlich kommen wir um 14h30 zur rettenden Unterbrechung, ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so richtig, ob ich Männlein oder Weiblein bin. Egal, Hauptsache Schatten, Wasser und Stille. Kein Wort kommt mir über die Lippen.

 

Der Nachmittagsvortragende, der mit großer Verspätung seinen Unterrichtstag beginnen muss, ist ebenfalls ein Hochgeschwindigkeitskünstler. Alles kein Problem! Ich hatte ja eh erst fünfeinhalb Stunden intensive, in südlicher Ausrichtung empfangene Sonneneinstrahlung an der zentralen Schaltstelle! Mach ich doch locker! Doch er hört zumindest pünktlich auf. Also mit pünktlichst genau einer Stunde Verspätung. Doch das war abzusehen. Dafür konnte er nichts, hat schließlich der gnadenlose Überzieher verursacht. Auf alle Fälle packe ich mich schleunigst zusammen, hatte ich meinen drei Männern zu Hause schließlich versprochen, bis spätestens halb sieben zu Hause zu sein, um ihnen noch einen Wünsch-euch-ein-gutes-Abenteuer-Kuss zu geben – sie sind zu einer Zeltnacht unterwegs. 18h32, ich fahre vor und sehe: kein Auto mehr da. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es doch fast schon wieder zum Lachen! Jetzt habe ich mich so beeilt, zum Schluss die Minuten gezählt, und dann sind sie erst weg. Gut, ich bin müde, aber ich rufe an. Vielleicht sind sie ja noch irgendwo greifbar. Tatsächlich, ich erwische sie, fahre ihnen schnell einmal nach, mein Jüngerer springt noch ein paar Mal hoch an mir wie ein junger Hund, mein Älterer ist schon ungeduldig und möchte nur noch losfahren, Kuss an meinen Mann – macht es gut, bis morgen. Und wieder nach Hause.

 

Ich freue mich. Ich freue mich, dass der Arbeitstag gut zu Ende gegangen ist, dass meine drei Männer ein nettes Abenteuer vor sich haben, dass ich doch nicht so schlimm sonnenverbrannt bin, wie ich befürchtet hatte, dass ich nun einen ruhigen Abend mit meiner Tochter in einem stillen, ruhigen, kühlen Haus genießen kann, sperre die Türe auf und sehe als erstes: [...] nein, ich tu euch das jetzt nicht an. Also eben das, was eine Katze so zurücklässt, wenn ihr ein bisschen übel ist. Ja genau, und zwar wohlportioniert und zielgenau in meinen Gartenschlapfen reinge[...]. Ich wollte doch eigentlich nur heimkommen und mich aufs Sofa schmeißen und in die Luft schauen! Und als Draufgabe die zarte Anfrage meiner offensichtlich unentschlossenen Tochter, gleich nach der Begrüßung und neben dem Katzenschlamassel (das sie noch gar nicht gesehen hatte): „Mama, vielleicht fahren wir ja doch noch hinein zum Zeltplatz, nur kurz, ...“ Und aus. Der Faden reißt. Die Hutschnur platzt. Die Lawine geht los. Das Gewitter bricht herein. Clown? Lockerheit? Gelassenheit? Schmunzeln? Witz? Moshe?!? Wo seid ihr alle?!? Ich kann nicht anders. Ich kann nicht dagegen an. Meine Tochter, auf die ich mich gerade noch so gefreut hatte, muss nun eine Schimpftirade über sich ergehen lassen. Wehe, wenn sie angefangen! Der Frust ist groß, die Müdigkeit auch, ich habe Kopfschmerzen, und jetzt, ... die Liebste und Bravste bekommt es ab. Zum Teufel, warum kann man, kann ich das nicht stoppen? Ich weiß in derselben Sekunde, ich müsste jetzt den Schalter umlegen, ich müsste jetzt eine 180°-Wendung machen, lächeln, entspannt die ganze Situation auf das reduzieren, was sie ist, nämlich nur ein blöder Zufall plus Erschöpfung, ich müsste meinen galant gefüllten Gartenschlapfen links liegen lassen und meine Tochter in den Arm nehmen, mich gemeinsam mit ihr auf das Sofa schmeißen und über unseren manchmal doch ein bisschen doofen Kater kichern, aber ich schaffe es nicht! Schalter, wo bist du? Notbremse? Maulkorb? Szenenklappe?

 

Alles verhaut. Sie traurig. Ich traurig. Jede enttäuscht. Jede verbittert. Unser gemeinsamer Abend ist flöten gegangen. Es ist nicht mehr zu retten. Nicht mehr umzukehren. Nicht mehr wiederzubringen. Wieso weiß man denn so viel und kann es doch in der Emotion nicht realisieren? Clown in mir, wo bist du? Hat es dir heute den Clownhumor weggebrannt in 1.400 m Seehöhe? Das dürfte dir doch wohl nichts anhaben? Wozu das tolle Seminar, wenn es mir doch nicht möglich ist, das genau dann abzurufen, wenn ich es am dringendsten brauche? Das Gefühl der Unzulänglichkeit gegenüber den eigenen Kindern ist für mich eines der schlimmsten. Vielleicht sollte ich mich demnächst seminarmäßig bei einem Zauberer einschreiben. Dann könnte ich ihm diese doofen Angewohnheiten des Kleinigkeitenzerpflückens und des Nur-das-Negative-Sehens und dieses dämliche Unzulänglichkeitsgefühl im Gesamtpaket ein für allemal gemeinsam mit dem nächstbesten dahergehoppelten Kaninchen in seinen Zylinder stecken: Einmal wegzaubern bitte!

 

Wenn es nur so leicht wäre ...

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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