Abschied mit Vorfreude

Wenn sich etwas seinem Ende zuneigt, kommt immer etwas Wehmut auf. Nach einem schönen Konzert klatsche ich lange und dankbar, um vielleicht eine Zugabe zu ergattern. Die letzten Bissen eines frischen Kirschkuchens esse ich langsamer, um den Genuss etwas zu verlängern. Wenn sich die Sonne nach einem schönen Spätsommernachmittag Stück für Stück dem Bergrücken nähert, hinter dem sie täglich verschwindet, nehme ich mir gerne ein paar Minuten Zeit, um bewusst dabei zu sein bei diesem stillen Abschied. Und wenn die am Anfang fast endlos scheinenden großen Ferien dann doch nur mehr vier, drei, zwei Nächte zählen bis zu ihrem Ende, dann werde ich ein bisschen wehmütig – Jahr für Jahr. Dann habe ich das Bedürfnis, noch einmal die Zeit in Gedanken aufzurollen, Woche für Woche zurückzudenken, wie das Wetter war, wo die Kinder verweilten, welche Ausflüge wir machten, dieses Jahr speziell, was ums neu gebaute Haus an Arbeiten und Verschönerungen noch so passierte, wann die Grassaat zu keimen begann, wann wir unsere Linde setzten, wann mein Jüngster begann, mit Freunden um die Häuser zu ziehen, weil er sich in der neuen Umgebung bald vertraut und zuhause fühlte, welche Abende wir zwei Großen uns nur für uns nahmen, um Musik- oder Kochkunst in Ruhe in uns aufzunehmen, wann es so lau war, dass wir abends ein Gläschen Wein auf der Terrasse tranken, wie oft ich mir eine Stunde gönnte, um eine Waldrunde zu laufen, oder auch nur zehn Minuten, um mich in die unserem Haus gegenüberliegende Wiese zu setzen und voll Dankbarkeit auf unseren neuen Lebensplatz zu blicken, den wir seit der Wintersonnenwende des letzten Jahres bewohnen dürfen.

 

Was mag ich besonders am Sommer? Das frühe Licht am Morgen, gemeinsam mit der Natur erwachen, mit nackten Füßen durchs taufrische Gras gehen, sonnenwarme Steine, erfrischend kühles Naturwasser, keine Regenjacke, auch wenn es regnet, in Flipflops zum Milchbauern radeln, das Auftürmen der Wolken zu dunkelgrauen Gewitterbergen, das Licht- und Klangspiel von Blitz und Donner, einschlafen bei weit geöffneten Fensterflügeln, das Aroma von halbtrockenem Heu, die Luft von kühlfeucht über warm bis heiß zurück zu lauwarm und abendfrisch über den Tag hinweg einatmen, abtauchen, Regengüsse, den Duft von Wildrosen, essen von dem Platz weg, wo es wächst, von Bäumen und Büschen stibitzen, luftige Kleider, wogende Windspiele an den Grannen der Roggenähren, sternenklare Neumondnächte. Nicht immer kann ich all dies bewusst genießen und dafür dankbar sein, dafür ist in meinem Leben oft zu viel los, zu viele Anfragen jedweden Inhalts seitens unserer drei Kinder, viel Unterkunfts- und Kochtopfpflege, viel berufliche Arbeit, viel Ablenkung. Aber doch häufig schenkt mir das Leben solche Momente des bewussten Wahrnehmens von wunderbaren Besonderheiten. Kraftmomente, in denen ich innehalten kann und „für wahr nehme“, was gerade ist.

 

Zeitlich oft recht knapp bemessen, also unweigerlich endlich sind diese Momente, denn gewiss kommt recht schnell etwas oder jemand dazwischen, das oder der mich aus diesem ruhigen Verweilen im Jetzt rausfischt, doch das macht sie deswegen nicht weniger schön. Wie auch der Sommer endlich ist und diese Endlichkeit keineswegs seine Schönheit schmälert. Ganz im Gegenteil, dadurch, dass er eben nur ein Viertel unseres Jahreskreises ausfüllt und sich die Naturzeit, die Weltzeit mit drei anderen Jahreszeiten teilt, liebe ich ihn umso mehr. Ich weiß, ich darf mich wieder auf einen weiteren Sommer freuen, nach einem Herbst, in dem alles reift, müde wird und sich zurückziehen beginnt, nach einem Winter, der Ruhe im Draußen und Behaglichkeit im Drinnen schafft, nach einem Frühling dann, in dem die Natur neuerlich erwacht und mit all ihren Kräften in das Wachstum des Neuen geht. Freuen auf eine weitere Neuauflage von Sommer, der all diese ihm zugehörigen Besonderheiten im darauffolgenden Jahr in einem neuen, exquisiten, bunten Mix präsentieren wird. Vielleicht heißer, vielleicht trockener, vielleicht unbeständiger, vielleicht ruhiger, vielleicht wilder als dieser gerade erst sich seinem Ende zuneigende Sommer, aber auf alle Fälle ein Sommer. In dem ich, würde ich irgendwann in einem besonnenen Moment gefragt werden: „Was machen Sie?“, vielleicht antworten würde: „Nichts. Ich lasse das Leben auf mich regnen.“ (Rahel Varnhagen)

 

In ein warmes Gefühl der Unbeschwertheit gehüllt gehe ich morgen Früh bei Sonnenaufgang wieder durch das taufrische Gras. Die Uhr wird bereits eine spätere Stunde als noch vor ein paar Wochen anzeigen, die Sommersonnenwende ist nun schon fast drei Monate her, der Herbst klopft schon leise an, räuspert sich und fordert schrittweise die Einhaltung seiner Daseinsregeln. Ich werde dem Himmel und der Erde für diesen wunderschönen Sommer danken. Und ein bisschen Vorfreude auf den Herbst, die sich in meinem Herzen rührt, verrät mir, dass ich jeder Zeit etwas abgewinnen kann – nämlich, weil sie etwas Besonderes mit sich bringt.

 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

(Hermann Hesse, aus „Stufen“)

 

Was wäre das Jahr ohne Jahreszeiten, was wäre das Leben ohne laut und leise, ohne warm und kalt, ohne Tag und Nacht? Die Mannigfaltigkeit lässt unsere Herzen lachen, die Unterschiede wecken unsere Sinne, und viele Farben zeichnen ein buntes Lebensbild.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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