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An der Nase genommen

An manchen Tagen stoße ich mich an der von mir so genannten Undankbarkeit meiner Kinder. Ich kritisiere (sofern ich dafür schon munter genug bin) in aller Früh, dass der ebenso verschlafenen Bande nicht ein „Dankeschön“ über die Lippen kommt für den gedeckten Frühstückstisch (bei dem ich mich selbst oft wundere, dass ich es trotz Schlafwandelzustandes schaffe, alle Teller in einem Stück auf den Tisch zu bringen, die richtigen Tassen zu erwischen und mich nicht an diversen Heißgetränken zu verbrennen – die fabelhafte Zusammenarbeit mit meinem lieben Mann macht es möglich), also eben kein Danke, sondern nur ein Grummeln, weil dem Einen die Brotsorte nicht passt, dem Anderen der Toast zu dunkel getoastet ist und der Dritten manchmal sogar die zwei Minuten zeitgleiche Anwesenheit mit ihren Brüdern zu viel sind, die ich ihr abverlange, weil mir eben dieser gemeinsame Start in den Tag wichtig ist. Ich meckere zu Mittag, dass mir der Eine statt eines ausführlichen, lebhaft geschilderten Berichts vom Wandertag nur eine Hungerjammerei serviert, dass der Andere, gerade erst bei der Tür hereingehuscht, schon wieder von den weiteren Nachmittagsplänen spricht, und dass die Dritte, soeben auch zu Hause gelandet, auf meine dringende Anfrage, abends doch bitte auf ihre Brüder aufzupassen (ich muss doch bis halb drei den Termin bestätigen ...), nur kurz die Augen rollt und sich trollt.

Und dann schimpfe und grummle ich selbst innerlich so vor mich hin und denke mir, wie gibt’s das nur? und was mach’ ich bloß falsch?, anstatt dieses unüberlegt dahingesagte „was mach’ ich bloß falsch?“ mir einmal ganz laut und Wort für Wort langsam vorzusagen, damit ich es auch wirklich verstehe: was mache ich bloß falsch?“! Was ist mir entgangen, zwischen den Zeilen oder in den Augen meiner Kinder, was habe ich mir denn schon so alles im Vorhinein ausgedacht und erwartet, ohne zu fragen, ob das den anderen auch nur ein bisschen interessiert? Warum glaube ich, es müsste immer genau so ablaufen, wie ich mir das ausmale in meinem Kopf, ohne die anderen Köpfe überhaupt zu fragen?

 

Kann es sein, dass ich übersehen habe, dass der Erste vom Ausflug am Berg einfach nur hundemüde ist und dass seine Erzählunlust gar nichts mit mir zu tun hat? Dass sich hier einfach nur Wissbegierde einerseits überhaupt nicht mit Mitteilungsbedürfnis andererseits trifft? Kann es sein, dass, nur weil ich Sehnsucht nach meinen Kindern habe, sie nicht immer unbedingt genau zeitgleich auch Sehnsucht nach mir haben? Kann es sein, dass ich mir erwarte, dass jeder immer genau fühlt und sieht, wie es mir gerade geht, dass sie immer spüren, wann der richtige Zeitpunkt für eine Frage ist, wann ich Ruhe brauche, wann wir uns gut austauschen können, wann ich gar nicht will, und selbst lasse ich sie erst gar nicht richtig ankommen, höre ich oft überhaupt nicht in die Stimmung der anderen hinein und überfalle sie regelrecht mit Fragen und Aufträgen?

 

Vielleicht könnte ich doch einfach einmal dankbar sein, bewusst dankbar für all das Positive, das meine Kinder mir so tagtäglich entgegenbringen, ohne dass ich darüber nachdenke, weil ich sie – als meine Kinder – einfach so sehr in- und auswendig kenne und das Besondere an ihnen nicht mehr sehe.

Es ist zum Beispiel nicht selbstverständlich, dass ein gerade erst einmal zum Schüler gekürter Bursche Überblick über seinen Kleiderkasten hat, sich alleine tipptopp für die Schule bereit macht und seine Playmobil-Riege bis zu seiner Wiederkehr in seinem Zimmer in einer derartig peinlichen Ordnung hinterlässt, von der ich in diversen Küchenkästen und Büroschubladen nur träumen kann! Es ist auch nicht selbstverständlich, dass ein Viertklässler durch seine offene Art am Schulweg viele Menschen anspricht, sie erfreut durch seine Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft und seine Anteilnahme, und diese Bekanntschaften ihn auch immer wieder bei zufälligen Begegnungen höchsterfreut erblicken und grüßen, sodass ich mich als Mutter neben ihm nur mehr wundere, wen aller er kennt, die ich so gar nicht kenne. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Teenager-Dame, weil sie sich bewusst (und definitiv bewusster und gesünder, als es dem Geschmack ihrer Brüder entspricht) ernähren will, für sich selbst kocht, Spezialzutaten in den Geschäften sucht, und dann auch noch großzügig alle, die wollen, an den köstlichen Endprodukten teilhaben lässt. Oder dass sie es, scheinbar mühelos (im Gegensatz zu mir), mit Witz in der Stimme und einem pfiffigen Lächeln schafft, das kurzzeitig ausgegrabene Kriegsbeil zwischen dem Jüngsten und seinem Spielgefährten im Handumdrehen zu begraben.

 

Ich bin umringt von Kindern mit großem Herz und vielen Talenten. Aber eben auch mit starkem Willen und jedes einzelne mit seinem ganz eigenen Charakter. Es ist nicht leicht, ein gutes Mittelmaß zwischen den eigenen Erwartungen und jenen des Gegenübers zu finden. Einen Kompromiss zwischen dem „Ich-nehm-mich-ganz-zurück“ und dem „Ich-bin-auch-wer“. Sich immer hinten einzureihen, seine Interessen und Wünsche stets unwichtiger zu nehmen als alles andere rundherum, ist sicherlich keine gute Einstellung – für niemanden, und auch nicht für eine Mutter. Doch ein bisschen Selbstreflexion tut gut, in Momenten, in denen es spannungsgeladen knistert, funkt oder kracht. Sprüche wie „es gehören immer zwei dazu“ oder auch „es gibt immer zwei Seiten der Medaille“ haben definitiv ihre Richtigkeit. Das Gegenüber ist eben auch nicht immer eines, das gefallen will, das erfüllen will, das entsprechen will, sondern eine Person mit Herz, Hirn, Willen und Charakter – Gott sei Dank! Ein Gegenüber mit eigenen Interessen, Vorlieben und Empfindungen. Es ist vielleicht ein Gegenüber, für das Rollerfahren im Vollgastempo bergab ohne Bremsen kein Risiko, sondern Spaß bedeutet. Eines, dem Freundesbesuch viel wichtiger als Mittagsrast ist. Eines, das unglaublich künstlerische Verzierungen in seinen Kalender zaubert, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob diese Stunden der kreativen Arbeit auch irgendwie „effizienter“ genutzt werden könnten. Gut so! Effizienz ist nicht alles. Das Abarbeiten von Aufgaben nicht der einzige Lebensinhalt. Danke, liebe Kinder, dass ihr mir immer wieder Nachhilfe im Seelebaumelnlassen, Kreativarbeiten, in Freundschaftspflege, Kartenschummeln und Sport gebt! Mein Leben ohne eure „ineffizienten Pausen“ wäre ein sehr eintöniges, unerträglich effizientes Arbeitsschlachtfeld.

Und jetzt: Beine hochlagern, Chips in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen auf den Couchtisch stellen und gemeinsam einen richtig doofen Ich-mach-mir-fast-in-die-Hose-vor-Lachen-Film einschalten. Schönen Abend!

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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Kommentare: 1
  • #1

    Lina (Sonntag, 20 September 2020 18:48)

    Passt alles - ich hab's für dich nochmal Korrektur gelesen ;) Super geschrieben <3