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Aus dem Reich der Tiere

Ich gehöre zu einer sehr sonderbaren Mischspezies, nimmt man den Querschnitt aus allen unterschiedlichen Tierzuweisungen, die mir so seitens meiner näheren Umgebung widerfahren. Lasst mich beim größten Vergleichstier anfangen. Irgendwie ist es mir das unbequemste, allerdings hat es auch wieder sehr schöne Eigenschaften: Meine Auftraggeber und Vortragenden bezeichnen mich oft als Elefantenhirn. Nicht sonderlich charmant, möchte jetzt vielleicht gleich so mancher darauf sagen, doch das muss natürlich im Kontext gesehen werden. Ihrerseits ist das stets als Kompliment gedacht, auch wenn es etwas klobig anmutet. Sie beziehen sich ja auch definitiv nur auf das Erinnerungsvermögen von den imposanten Dickhäutern, und weniger auf ihre Behäbigkeit oder ihr lautes Rüsseltrompeten. Offenbar kann ich mir sehr lange Textpassagen gut merken und auch detailgetreu wiedergeben, was sie von anderen meines Fachs nicht in dieser Ausdehnung gewöhnt sind. Meine Kinder titulieren mich zeitweise als Glucke, weil ich, ja, weil ich halt immer wieder betone, wie wichtig der Fahrradhelm am Kopf bei Verwendung diverser Zweiradtypen, die Leuchtwarnweste in der Früh für den nebeligen Schulweg oder die gesunde und ausgewogene Jause in der Pausenbox ist. Mein Mann nennt mich ab und an eine Eule, was allerdings, aus seinem Munde gesprochen, in diesen Momenten weniger auf meine Klugheit, sondern eher auf meine Nachtaktivität im Büro bezogen ist. (Schließt vielleicht die Klugheit nicht aus, doch zu dieser Aussage veranlasst wird er eindeutig durch meine seinem üblichen Tagesrhythmus zuwiderlaufenden Arbeitszeiten.) Zu den Faultieren zähle ich, aus meiner Sicht gesprochen, eher nicht. Ich schlafe zwar gerne viele Stunden in der Nacht, also eher in Richtung Siebenschläfer, doch tagsüber neige ich selten dazu, irgendwo herumzuhängen und kauend zu dösen. Ich persönlich sehe viel eher große Ähnlichkeit mit einem geschäftigen Eichhörnchen im Herbst, das die ganze Zeit durch die Gegend huscht, hier etwas sammelt, da etwas vergräbt, sich ein bisschen putzt, auf der Hut ist, Ausschau hält, wieder lossaust, die Richtung ändert, einen Haken schlägt, kurz verharrt, die Lage klärt, um dann wieder geschäftig weiterzusammeln und zu vergraben. Ich denke mir oft, wenn ich einmal meinen Vormittagsalltag filmen würde und anschließend im Zeitraffer wiedergeben, ich würde, abgesehen von meiner Statur, meinen vielleicht nicht so behände und gut koordinierten Bewegungen und dem fehlenden buschigen Schwanz, ziemlich stark einem emsigen, flinken Eichhörnchen ähneln. Darüber hinaus liebe ich diese Nagetierchen und identifiziere mich sehr gerne mit ihnen. Keck und frech sind sie ja auch, und diesen Eigenschaften kann ich ebenfalls etwas abgewinnen. Worin wir uns sicherlich etwas unterscheiden, ist, dass ich nicht die Vorräte meines Nachbarn ausgrabe. Um die Eier aus seinem Hühnerstall frage ich immer ganz höflich. Hinterlist ist kein mir naheliegender Wesenszug. Außerdem lasse ich mich selten von meiner Katze auf einen Baum oder quer durch den Garten jagen.

 

Also, die Ähnlichkeit liegt vor allem in der Geschäftigkeit, und dieser immer etwas getriebene Gemütszustand zeigt sich noch stärker, wenn draußen schönes Wetter ist. Da möchte ich dann alles, aber auch wirklich alles, was erledigt gehört, in einen Vormittag packen (an dem ich wohlgemerkt alleine in unserem Haus unterwegs bin, die Gefahr von Kollisionen mit anderen Bewohnern wegen übermäßiger Geschwindigkeit oder Unbedachtheit somit auf ein Minimum reduziert ist), damit ich den Nachmittag für eine schöne Frischluftzeit mit meinen Kindern nutzen kann. Oder, damit ich meine Kinder in diesen Stunden ins schöne sonnige Draußen entsenden kann, um mich selbst, nach emsigem Eichhörnchen-Vormittagstreiben im Haus, rauf und runter, hin und her, dann nachmittags auf meine vier Buchstaben zu setzen und am Schreibtisch zu arbeiten. Und so fühle ich rundherum Eichhörnchenenergie, husche und wusle und laufe manchmal der Zeit hinterher, die jeden Tag wieder erbarmungslos gleich schnell verstreicht. An gewissen Tagen gefühlt noch schneller als an anderen, aber sicherlich nie wirklich langsam, oder gar zu langsam. Meine Uhren ticken prinzipiell schnell. Vielleicht hat das auch mit der hohen Herzschlagfrequenz des Eichhörnchens zu tun, mag sein.

 

Auf alle Fälle gibt es einen ganz guten und wichtigen Beruhigungsfaktor in meinem Eichhörnchen-Dasein. Ein Wetter, das dem Gemüt und dem Herzen dieses stets immer noch eine weitere und noch eine weitere Nuss – äh Aufgabe – findenden Nagetierchens eindeutig entgegenkommt: Dauerregen. Richtig schöner, herbstlich kühler, am besten noch vom Wind gepeitschter, von oben und quer fallender, gegen die Fensterscheiben klatschender Starkregen. Nicht so ein kleiner Guss, nach dem das emsige Hörnchen neuerlich in den Garten huscht und nach Verstecken (sprich: nach versteckter Arbeit) sucht, sondern richtig hartnäckiger, klatschnass machender, intensiver Dauerregen. Schüttregen. Der Himmel grau in grau, die Temperaturen unter zehn Grad, nass und nochmals nass. Da wird das Eichhörnchen auf einmal gemütlich, fast behäbig, macht sich eine Tasse Tee, zündet Kerzen im Fenster und am Tisch an, schürt ein Feuer im Kamin, räumt den Computer weg und die UNO-Karten oder das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel her und erklärt den Nachmittag zur Rastzeit: frei, langsam, beschaulich, verspielt, genüsslich. Vielleicht war das Hörnchen am Vormittag dieses Ruhewettertages, an dem erstaunlicherweise auch alle anderen Aufgaben einfach einmal erledigt zu sein schienen, auch noch kulinarisch tätig und hat bei herrlicher Violinenmusik von Hillary Hahn Äpfel geschält und daraus einen Apfelstrudel gezaubert (ohne ihn hiernach zu vergraben, versteht sich), und freut sich dann über die besondere Freude der Apfelstrudelliebhaber in der Familie. Und am Abend eines solchen „Ich-pack-meine-Emsigkeit-heute-ins-Nussversteck“-Tages wundere ich mich über das Gefühl in mir, dass es gar nicht so schwer war, doch einmal ein ruhigeres, dösendes, der Verdauung zuhörendes Tier zu mimen – Katze auf der Ofenbank, Hund im Körbchen, oder vielleicht doch ein bisschen Faultier?

 

... Abends auf der Kuschelcouch gegenüber des warmen Kamins habe ich meine Tochter leise gefragt, welches Tier ihr denn in den Sinn käme, wenn sie an mich denkt. Sie dachte ein bisschen nach, schmunzelte ein wenig und meinte: "Schmetterling, Tagpfauenauge." Sie ist eine Ästhetin, das weiß ich, doch diese abendliche Metamorphose ließ es warm werden um mein Herz. Merci, mon amour!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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