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Im Stein

Gestern ist mir etwas ganz Eigenwilliges passiert. Es war ein ereignisreicher Tag, der erste runde Geburtstag unseres Mittleren. Es gab wirklich ein paar nette Stunden für ihn: Wunschprogramm, Wunschfreund, Wunschrestaurant, Wunschkuchen, dann noch ein paar erfüllte Wünsche zum Schrauben und Dübeln für Opa und mich (neuen Schreibtisch, neues Nachtkästchen), also definitiv viel Wunscherfüllung – das ist jede Menge Auftragsarbeit für die Wunscherfüller, ich sag’ es euch! Dann, nach Verabschiedung des Besuches, kam weniger erwünschtes Zusammenräumen für uns Erwachsenen, aber das gehört natürlich dazu. Die Jugend war müde von dem intensiven Tag, also war auch schon bald Bettruhe. Und ich dachte mir, so, nun aber ran an den Computer, ein paar Arbeitsstunden gehen sich noch aus. Zur Zeit ist es eine etwas trockene, um nicht zu sagen langweilige, weil hochkomplizierte und überaus fachliche Lektüre, in der ich mittendrin stecke und von der ich noch viel vor mir habe, die ein Passionierter geschrieben hat, um seiner Leidenschaft in seinem vielleicht für ihn zu nüchternen Arbeitsalltag Raum zu schaffen. Natürlich eine ausgezeichnete Arbeit, keine Frage, doch thematisch und stilistisch nun eben nicht so mein Ding. Da muss ich nun durch, angenommen ist angenommen, denke ich mir und dachte ich mir auch gestern Abend, jetzt hatte ich eh so einen schönen Tag, kann ich ruhig – nach süßem Bienenstich aus Eigenproduktion und frischer Apfeltorte von der lieben Oma – ein bisschen in den sauren Apfel beißen.

 

Einen guten Tee gekocht, Bürotüre zu, und los. Ja, und dann passierte eben dieses Eigenwillige. Höchstkonzentriert in Zahlen und Fakten zu diesem technischen Großprojekt vom Anfang des 20. Jahrhunderts vertieft, sitze ich plötzlich in Gedanken im Café Stein in Wien, in der Währingerstraße. Ich hatte in diesem Moment, völlig unvermutet, genau das Gefühl, wie ich es damals in meiner Studienzeit – das ist über siebzehn Jahre her! – immer hatte, wenn ich da drinnen saß, sehr oft mit meinen engsten Freundinnen, Studienkolleginnen, meistens am Abend, manchmal auch an verregneten Samstag Nachmittagen, wenn wir am Plaudern, am Diskutieren, am Leuteschauen, am Lachen waren. Genau dieses Stein-Wohlgefühl machte sich da in mir breit. Es waren wirklich immer schöne Stunden, unbekümmerte, entspannte, fröhliche. Ich spürte den Sessel unter mir, ich sah die Stiege vor mir in den ersten Stock hinauf, es roch ein bisschen nach Rauch – alles wie eben damals. Ich saß auf einmal mitten drinnen im Kaffeehaustrubel und wusste nicht warum. Es fiel mir auch zuerst gar nicht der Name dieses Ortes ein, ich wusste nur, dass ich da gerne war und dass ich in diesem Moment Riesensehnsucht nach all den Freunden bekam, mit denen ich während meines Studiums so viel Zeit verbracht hatte.

 

Hat mich diese Erinnerung gerettet? Bewahrt vor einer Beschäftigung, die als Abschluss zu diesem schönen Tag einfach nicht stimmig, nicht passend war? Abgeholt und entführt in die Welt der Gedächtnisjuwelen? Warum kam sie auf einmal? Was hatte sie geweckt? Ich schrieb einer meiner liebsten Freundinnen, die nun leider schon seit vielen Jahren viel zu weit weg von mir wohnt, eine Nachricht: „Wie hieß denn das Café, wo wir oft beisammen saßen, am Anfang der Währingerstraße, gleich in der Nähe vom Ring? Einstein? PS: Frag mich bitte nicht, warum mir das gerade jetzt einfällt ...“ Sie wusste gleich, dass es nur der Stein ohne „Ein“ war, sie hatte immer schon ein sehr gutes Gedächtnis. Wir schrieben ein bisschen hin und her. Es war sehr schön. Wieder ein bisschen Nähe zu spüren über ein paar flott getippte Nachrichten, uns gegenseitig wieder auf neuesten Stand zu bringen: Arbeit, Kinder, Gesundheit, Zufriedenheit. Vielleicht waren es zwanzig Minuten, doch es war in meinem Gefühl wie ein langer gemeinsamer Abend. Wir sinnierten, wann wir uns wieder sehen könnten. Dieses Plaudern schwang noch lange nach in mir, das Gefühl des studentischen Kaffeehausherumlungerns auch. Die Arbeit war vergessen, ich holte ein paar alte Fotos hervor und zauberte mich so noch ein Stück weiter nach Wien. Die Studienzeit ist sicherlich ein besonderer Lebensabschnitt, die Freunde aus diesen Jahren sind für mich ganz wichtige Wegbegleiter. In der Studienzeit ist man, war ich in einem Alter und einer Lebensphase, wo sich sehr viel entscheidet. Die berufliche Orientierung, vielleicht der Lebensplatz, vielleicht der Lebenspartner. Man geht aber in dieser Zeit, zwischendurch, oft auch recht wirre Wege, ist sich unsicher, ob man das Richtige gewählt hat: Ausbildung, Partner, Ort, ... Sucht vielleicht Antworten in der Ferne, kehrt wieder zurück. Um Erfahrungen reicher, doch auch wieder froh, eben diese Freunde von neuem um sich zu haben. In all diesen Jahren, schön und wirr, arbeitsintensiv und vogelfrei in gleichem Maße, waren sie immer an meiner Seite, zum Austauschen, zum Gemeinsam-Erwachsenwerden, zum Zeitverblödeln bei Kaffeehausgenuss.

 

„Wann gehen wir wieder ins Café Stein, H.?“

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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Kommentare: 1
  • #1

    Lina (Sonntag, 11 Oktober 2020 20:11)

    Sehr schön�