Bitte warten ...

Warten fällt uns allen schwer. Kaum jemand wartet wirklich gerne. Lasst mich ein paar Situationen schildern, damit ihr gemeinsam mit mir so richtig schön in die Welt des Wartens abtauchen könnt.

 

Wie wäre es zum Beispiel mit der Wartesituation an der Kassa im Supermarkt: Die Schlange ist lang, die Menschen treten am Platz, recken ihre Hälse, schauen nach vor, es geht nichts weiter. Ja, genau, wieder einmal so ein Spezialist, der die Bananen zu wiegen vergessen hat. Strafende Blicke in Richtung dieser Person, es ist eines der schlimmsten Vergehen im Supermarkt, wo ja allzeit getriebene und zeitlimitierte Leute einkaufen gehen, die nichst weniger brauchen als an der Kassa unnütz Minuten zu verlieren! Noch intensiver zu erleben, wenn diese Wartezeit ein kleineres, jedoch schon selbständig gehendes Kind mitverbringen darf, das natürlich nichts Besseres weiß, als in diesen Minuten zum Zeitschriftenständer zu gehen, um eine äußerst inhaltsleichte Ramschkinderzeitschrift mit irgendwelchen sinnlosen Plastikkrimskramsbeilagen aus den bunt befüllten Reihen zu ziehen und seine Mutter oder seinen Vater damit zu traktieren, das doch bitte jetzt noch mit zu den Einkäufen aufs Band zu legen. Bei hartnäckigen Kindern oder widerstandslosen, weil vielleicht schon vom Tag ermatteten Vätern oder Müttern, können solche Wartezeiten ganz schön teuer kommen! Ganz zufällig sind nämlich dann auch noch die wunderbarsten Süßigkeiten neben der Kassa aufgetürmt, in ansprechend leuchtenden Farben.

 

Ähnliche Situation im kleinen Feinkostladen, wo das Warten recht unangenehm werden kann und den Puls von so manchem Einkäufer (meinen zum Beispiel) kontinuierlich in die Höhe treibt, wenn eine ältere Dame sich ausführlich beraten lässt, welche Art von Weihrauchmischung sie nun denn nehmen sollte – es sollte die Nerven beruhigen, aber gleichzeitig auch anregende Wirkung zeigen, allerdings nicht zu stark, einmal hätte sie gar nicht mehr einschlafen können ... –, während wir uns von einem Fuß auf den anderen wiegen, haben wir doch einfach nur etwas aus dem Teeregal gezogen, zielstrebig und schnell entschlossen. Ob wir nur kurz zwischenrein unsere Rechnung begleichen könnten? Der Blick aus dem großen Schaufenster hinter der bemüht beratenden, wenn auch schon etwas ratlosen Verkäuferin auf die andere Straßenseite hin zeigt uns, wie sich Auto für Auto die gestrenge Parkwächterin nähert, und uns fällt ein, dass wir genau heute vergessen haben, die Parkuhr zu stellen, wir wollten doch eben nur kurz hier diese eine Sache holen. Immer näher und näher kommt sie, nein, ich muss jetzt rausspringen, ich kann nicht mehr, ... hier sind zehn Euro, das Restgeld nehme ich das nächste Mal mit! Verdutzte Gesichtsmienen dies- und jenseits des Ladentisches, dass es die Leute heutzutage aber auch immer so eilig haben müssen!

 

Warten auf eine wichtige Nachricht, früher in Form eines Briefs, heute vielleicht auf ein e-mail oder anders digital getipptes Textchen. Durch die Schnelligkeiten der Medien sind wir im Warten noch ungeduldiger geworden, der Postweg kann nicht mehr als Ausrede, die vielen Postsendungen zu gewissen Stoßzeiten nicht mehr als Entschuldigung für längeres Nichtantworten hergenommen werden. Man räumt dem Gegenüber auf der anderen Seite stets weniger und noch weniger Zeit ein, um zu antworten, um sich auf eine Frage, ein Angebot, eine Forderung zurückzumelden. Werden die kleinen Häkchen bei WhatsApp nicht gleich blau – Zeichen, dass der andere das Geschriebene und Geschickte gelesen hat –, dann wird man schon recht bald ärgerlich. Und wehe, er oder sie hat es gelesen und antwortet nicht gleich! Ja warum ...!?! Schrecklich, diese immerwährende Zeitnot, diese Ungeduld in beruflichen wie privaten Belangen, als ob wir stets im Wettrennen gegen die Zeit gewinnen müssten. Diese neuen Kontrollmodi bei e-mails und Co machen es nicht besser.

 

Eine reine Qual für mich ist das Warten auf einen Ansprechpartner am anderen Ende einer Hotline. Zuerst die kompetente Ansage, das Durchwählen durch einen Slalom an Optionen bezüglich Anliegen, Fachbereich, Kundensorte und dergleichen, dann glaubt man, endlich richtig gelandet zu sein, und dann wird sich ein „Mitarbeiter in Kürze melden ...“ Was dann meistens folgt, ist eine schauderbare Musik. Wer sucht denn bitte schön diese Musik aus?!? Wenn sie einfach ein schönes ruhiges Klavierstück spielen würden, unaufgeregt, ohne Text, ruhig, dann wären mir solche Wartezeiten ganz egal, sie würden nicht auffallen. Dann lege ich das Telefon mit Lautsprecher neben meinen Computer und warte, ohne zu warten. Doch diese nervtötenden, überhaupt nicht ins Ohr gehenden oder unmelodiösen Krachmusiksequenzen, neben denen man genau gar nichts tun kann außer eben auf diese blöde Musik zu hören, das ist reine Zeitverschwendung!

 

Warten im Ärztewartezimmer. Das hängt jetzt vom jeweiligen individuellen Gesundheitszustand und auch von der verfügbaren Zeit ab. Sollte es so sein, dass ich viel Zeit habe und im Grunde bei guter Gesundheit bin, die Arztkonsultation also gar nicht aus einem Notfall heraus, sondern aus irgendeiner administrativen Notwendigkeit gesucht wurde, dann finde ich dieses Warten irgendwie amüsant. Man kann nämlich zum Beispiel so tun, als ob man ganz vertieft in einer Zeitschrift liest, und ganz nebenbei und unauffällig die Wartezimmerunterhaltung anderer belauschen. Sehr erheiternd, kann ich da nur sagen! Vor allem, was für ein medizinischer Blödsinn da teilweise verzapft wird! Sensationell. Den Gesprächen zufolge möchte man meinen, die Patienten bräuchten den Arzt eigentlich gar nicht mehr konsultieren, könnten sich gleich gegenseitig behandeln, Medikamente verschreiben und, ohne den Arzt überhaupt gesehen zu haben – alles besprochen, alles analysiert – erfolgreich das Wartezimmer räumen. Der Nächste bitte!

 

Warten im Skianzug, in der Talstation, vor fünf verschlossenen Toilettentüren. Viel zu warm eingepackt, viel zu lange auf der Piste gewesen, viel zu ... Hinter der einen Türe raschelt es, hinter der anderen wird die Spülung gezogen, hinter der dritten vermutet man ein Kind mit Mutter, da ein Dialog geführt wird. Hinter Tür Nr. 4 und 5 tut sich gar nichts, da schweigen wir lieber auch mit. Nein, weitere Details brauche ich euch nicht zu erläutern. Das Gefühl kennen wir wirklich alle! Befreiend das „klack“ der herumgedrehten Verriegelung.

 

Du schlafende Katze da drüben auf meinem Sofa, die du dich nach ausgiebigem Frühstücksverdauungsspaziergang in der kühlen Oktoberluft nun auf meinem Lieblingsplatz streckst und räkelst und im Traum hinter Mäusen oder Flugtieren herjagend zuckst, kennst du die Ungeduld des Wartens? Oh ja, ich weiß wann: wenn es ums Fressen geht. Genau wie meine Kinder! Ich meine natürlich bei ihnen, wenn es ums Essen geht. Das ist wohl die schrecklichste Ungeduld, in ihrer Haut möchte ich eigentlich nicht stecken, wenn sie hungrig von der Schule nach Hause kommen und ich – Rabenmutter – es am Vormittag verabsäumt habe, mich rechtzeitig in die Küche zu stellen, um pünktlich bei Schulheimkehr ein fertiges, gut duftendes und dampfendes Mittagessen zu servieren. Dieses Warten tut ja richtig weh! Das sind Schmerzen in der Magengegend, die kann man sich als nicht mehr wachsender Erwachsener ja gar nicht mehr ausmalen! Folter ist das! Unzumutbare Hungermomente! Hier helfen nur strategische Ablenkungsmanöver: Und wenn du rasch deine Hausübung wegmachst, dann könntest du nach dem Essen gleich mit den Freunden spielen gehen? Funktioniert leider nicht immer. Der Erfolg dieser Strategien hängt erstens von der Zusammensetzung der Pausenjause und zweitens von der Qualität des in Aussicht gestellten Mittagsmenüs ab.

 

Noch schlimmere Folter: Das Servieren des Geburtstagskuchens, das Unter-die-Nase-Stellen der Torte, bevor der Kaffee für die Erwachsenen fertig ist. Tut das nie! Alles muss fertig sein, der Kaffee, der Tee, die kalten Getränke, die Zuckerdose, das Schlagobers, alle müssen sitzen, alle bereit sein, und erst dann, ja, bitte erst dann wird der Kuchen präsentiert! Wer es umgekehrt macht, hat sadistische Züge und foltert gerne Kinder. Der hat kein Herz für die kleinen Seelen, die nichts weniger können als vor einem Stück Kuchen am Teller zu sitzen und zu warten! In solchen Fällen müsst ihr dann einfach damit rechnen, dass jegliche Höflichkeitsfloskeln und respektvolle Benimmregeln, die ihr eurer Brut anzuerziehen versuchtet, ganz einfach vergessen sind. Selbst schuld!

 

Warten auf den Liebsten, der seine Heimkehr von einem Treffen früh angekündigt hat und dann doch nicht kommt. Eine der für mich schwierigsten Übungen. Wahrscheinlich wegen meiner regen Fantasie. Zuerst versuche ich, mich mit Arbeit abzulenken, man hat ja schließlich immer was zu tun und nützt die Zeit, bis er, eben vermeintlich, kommt. Richtig konzentrieren kann ich mich aber nicht darauf, weil ich ja in Gedanken bei ihm bin. Er wollte doch früh kommen ... Die Straßenbedingungen sind schlecht, früher Schnee im Oktober hat alle überrascht. Soll ich ihm schreiben? Fragen, wann er losfährt? Aber ich will doch nicht als die ungeduldige daheim sitzende Angstglucke gelten, die als einzige den netten Freundeabend stört, weil sie eben nicht warten kann ... Gut, keine Nachricht. Es wird immer später. Die Konzentration auf die Arbeit immer schlechter. Die Gedanken immer blöder: Was mir da nicht alles einfällt, was passieren könnte ...!!! Yoga würde vielleicht helfen, die doofen Gedanken wegzuatmen, nur wenn die Ruhe des Yoga noch weniger hilft als die versuchte Ablenkung durch komplizierte Texte, dann ist das verlorene Liebesmüh. Ja, und wenn dann die Türe aufgeht, muss ich mich ganz arg zusammenreißen, dass ich die Freude über den unversehrten Heimkehrer aufkommen lasse und nicht der Groll über die mühsam erlebten Wartestunden Oberhand gewinnt und das ersehnte Wiedersehen trübt.

 

Und dann das Warten auf etwas Besonderes. Auf etwas, auf das man sich freut: auf den Auftritt eines Star-Violinisten, auf das Öffnen des Theatervorhangs, auf den Start eines guten Films, auf das Zusammentreffen mit einer seit Ewigkeiten nicht gesehenen Freundin. Dieses Hinwarten, dieses Sehnen, das ein quirliges Kribbeln im Bauch weckt, das Herz schneller schlagen lässt, ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert, das einen einfach rundum glücklich macht: das gibt es auch. Ein positives, freudvolles, fröhlich stimmendes Warten!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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