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Wie gewonnen, so zerronnen

Ein bisschen Normalität durften wir schnuppern. 36 Stunden lang. Meine Schüler um sieben in der Früh in die Schule schicken, mit prall gefüllten Schultaschen, vielen gut erledigten Aufgaben und vor allem mit einer Riesenfreude auf das Wiedersehen mit Freunden im Gepäck, war das schön! Ich konnte durchatmen. Sinnbildlich das Haus und alle Arbeitsplätze einmal wieder auslüften, Ruhe einkehren lassen in meinen Vormittag und mich über das gut Bewältigte – ein bisschen stolz und vor allem erleichtert – freuen. Das Ganze hatte ja immerhin einen relativ kurzen Ablauffriststempel, und diese Frist im Auge und im Herzen hat mich gestärkt und mich durchhalten lassen.

 

So, und nun geht’s in die nächste Runde. Die Frist wurde verlängert. Der Frust auch. Einen Tag Verschonung bekomme wir alle noch, bevor die geballte Ladung an wissensbegierigen und sozial hungrigen Kindern, die alles lieber wollen als wieder zuhause zu lernen und keine Freunde zu Gesicht zu bekommen, wieder an ihren Zimmerschreibtischen sitzt, traurig, frustriert, demotiviert. Draufgabe: drei Wochen, oder anders gesagt, 14 Schultage (klingt das weniger? reine Psychologie ...) Glücklicherweise gibt es im Falle der Notwendigkeit Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, und glücklicherweise haben auch die Politiker die Definition von „Notwendigkeit“ relativ weit gesteckt, was ich sehr umsichtig finde. Man darf einfach nicht die absolute Notwendigkeit mit häuslicher Abwesenheit der Eltern gleichsetzen. Das ist zu einfach, und das hat auch die Politik verstanden. Schreibt schließlich sogar unser Bildungsminister Heinz Faßmann in seinem Elternbrief von gestern: „... Wenn Ihnen oder Ihren Kindern die Decke auf den Kopf fällt, dann lassen Sie Ihr Kind am besten vorübergehend wieder zur Schule gehen. Ein oder zwei Tage sind oft schon eine große Entlastung.“ Wie wahr! Da spricht mir doch tatsächlich einmal ein Politiker aus der Seele.

 

Ja, und trotz Frust und Traurigkeit, ein bisschen Verzweiflung und momentaner Mutlosigkeit muss ich wohl sagen, dass ich hinter dieser Entscheidung der Regierung stehe. Warum? Weil ich fachlich keine Gegenargumente vorzuweisen habe, und rein um Stimmungen und Gefühle, persönliche Befindlichkeiten und Wünsche geht es in der gegenwärtigen Situation einfach nicht. Ja, auch ich habe das Gefühl, dass Kinder die gefürchtete Krankheit nicht oder kaum übertragen (bis zu einem bestimmten Alter, ja, aber bis zu welchem ...?). Ich selbst war nun intensivst mit einem 7-Jährigen und einem 10-Jährigen zehn Tage zusammen, die davor zwei Tage intensivst mit einem hoch ansteckenden Covid-19-Patienten die Zeit verbrachten – und bin gesund geblieben, nachgewiesen gesund. Doch daraus kann ich keine wissenschaftlichen Schlüsse ziehen. Und keine Statistik hochrechnen. Es ist eine individuelle Geschichte. Also bleibt nur zu hoffen, dass das beabsichtigte Ziel erreicht wird. Dass die Maßnahmen Wirkung zeigen. Dass das Gemeinsam-an-einem-Strang-Ziehen und der hochgehaltene und wieder und wieder betonte Schulterschluss auch wirklich etwas bringen. Denn eines ist klar: In regelmäßigen Intervallen diesen äußerst umfangreichen Einschränkungen einerseits und Zusatzbelastungen andererseits ausgesetzt zu sein ist ein Szenario, das wir uns alle lieber nicht vorstellen wollen.

 

Es soll sich ja in den Köpfen unserer Kinder nicht festsetzen, dass es gefährlich sein könnte, mit ihren Freunden Fußball zu spielen. Oder gemeinsam Rad zu fahren. Oder miteinander zu plaudern. Zu lachen. Eine katastrophale Vorstellung! Wenn dauerhaft die Natürlichkeit und Ungezwungenheit des sozialen Miteinanders verloren geht, dann wird das ganz tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur bei uns Erwachsenen. Kindern prägen sich solche Dinge ganz stark ein. Und es ist mir der Gedanke, dass sich meine Burschen nicht mehr offenen Herzens und gedankenlos, also einfach frei frei frei mit ihren Freunden um die Häuser ziehen trauen, ein schauderbarer.

 

Wir haben nun also die Ruhige Zeit vor der Stillen Zeit. Ein äußerst ruhiger November vor der stillen Adventzeit. Ohne verfrüht gespielte Weihnachtsmusik in den Geschäften (die wird mir definitiv am wenigsten abgehen), ohne aufgeregtes Hinwarten auf Krampusläufe und Nikolausbesuche, ohne gemeinschaftliches Adventkranzbinden. Was die Wochen vor Weihnachten eigentlich prägen sollte, wird heuer schon ihrem Vormonat aufs Auge gedrückt: absolute Ruhe, innere und äußere Einkehr, Besinnung auf das Wesentliche. Es muss nichts Schlechtes sein, doch wie es dazu gekommen ist, ist alles andere als wünschenswert und macht uns ganz einfach traurig.

 

Dieses Wochenende muss ich wohl am allermeisten mir selbst Mut zusprechen. Mir sagen, dass es eine kurze „Draufgabe“ ist. Mir vor Augen halten, dass es ganz wichtige Einschränkungen im Sinne der Volksgesundheit sind, vor allem im Sinne der Gesundheit der Schützenswertesten unter uns. Vielleicht kann ich euch – durch meine Gedanken und durch mein öffentliches Schimpfen und Fluchen – auch Mut machen. Vielleicht alleine dadurch, dass ihr seht und lest und hört, dass es auch anderen so gar nicht gut geht nach den samstäglichen Pressekonferenzen.

 

Und doch freue ich mich auf den heutigen Sonntag, der Sonntag mit seinem ganz eigenen Zauber – Terminfreiheit für alle, Putzverbot, Aufgabenvakuum, Entspannungsgebot, und das alles zurzeit, weil besuchsfrei, auch immer noch um ein Eck ruhiger und familiärer. Topfentorte – nach dem tierisch guten und affeneinfachen Rezept von Markus Meyer aus der gerade erst erschienenen Rezeptesammlung „My stage is my kitchen“, ein Buchprojekt entstanden aus einer kurios-kreativen Idee der Theaterbetriebsärztin Lilli Nagy in der Zeit des Frühlings-Lockdowns – wird von mir auf den sonntäglichen Kaffeetisch serviert. Um die Gemüter etwas aufzuheitern! Und um genug Kalorien für die kommenden nachmittäglichen Fußball-Trainingsmatches im Speicher zu haben. Kann mich ja nicht immer in die Torpfanne hauen lassen von meinen Burschen! Also: Topfen-Kraft voraus, heute gewinne ich!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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