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... ich komm' nur so selten dazu

Diese Woche ist dem Sport gewidmet. Ja, tatsächlich – dem Sport! Und Sport in meinem Alltag, das ist synonym mit Auszeit für mich. Warum gerade jetzt? Woher genau jetzt diese genussvollen, wenn auch mitunter anstrengenden Auszeiten, wo doch der Tagesablauf wieder geprägt ist von Administrativarbeit, Übersetzungsauftrag, Unterrichten und Heimfußballtraining? Das ist ganz einfach: Weil der ideale Zeitpunkt, um mir endlich mehr Zeit für mich zu nehmen und endlich wieder ins regelmäßige Sporteln reinzufinden, genau NIE kommt. Ist der Großauftrag beendet, wird der Mann krank, ist der Mann wieder gesund, kommen die Kinder erst nach Hause, gehen die wieder zeitweise aus dem Haus, ist die nächste Übersetzungsanfrage da, ist diese erledigt, folgt ... Also: jetzt. Oder nie. Besser jetzt.

 

Startschuss am Wochenbeginn ist ein Ganzkörper-Workout mit Videoanleitung. Gut, ich gebe zu, ich muss im dritten Drittel aussteigen. Natürlich nur, weil mich mein Jüngster ganz dringend braucht. Er findet das Mineralwasser nicht. Er trinkt sehr selten Mineralwasser, aber genau in diesen vierzig Minuten braucht er es ganz dringend. Da muss ich ihm natürlich helfen. Also, nur deswegen etwas vorzeitig abgebrochen. Nicht, weil die Kondition am Ende ist. Wer könnte das denn denken? Am zweiten Tag stehen Nachrichten im Fernsehen begleitet von Ergometer-Kilometern am Programm. Eine gute Kombination, vor allem, weil mich der Fokus auf die Tagesneuigkeiten gerichtet vergessen lässt, wie lange ich schon strample auf dem Ding, das sich dann doch nicht vom Fleck wegbewegt. Am dritten Tag muss ich ein Intensiv-Fußballtraining mit meinem BVB-Fan absolvieren. Das Fußballfeld erstreckt sich übrigens U-förmig ums Haus. Mein Tor ist auf der Ostseite, Mittelfeld und somit Ankick süd- oder Terrassen-seitig und sein Tor befindet sich auf der Westseite. Da macht man Meter! Absolute Krönung dieser Sportwoche ist auf alle Fälle am Donnerstag mein Waldlauf: gestartet im Nebel, mit klammen Fingern und Wassertröpfchen auf den Wimpern; Eiskristalle, wohin ich auch sehe, auf jedem Zaunbrett, auf jedem Grashalm, auf jedem dürren Ästchen; und dann, je höher ich komme, das Durchblinzeln der Sonne durch die Nebeldecke, zuerst zaghaft, dann immer stärker und eindeutiger, bis sie mir warm und wunderbar weich ins Gesicht scheint. In den Nebeleiskristallen am Boden bricht sich das Licht in alle Farben des Spektrums. Tiefgrünes Moos, beleuchtet von der herbstlich-morgendlichen Sonne, zaubert einen überwältigenden farblichen Kontrast zu der mit Raureif weiß überzogenen Landschaft außerhalb des Waldes; die Frostfreiheit am Moos zeigt eindrucksvoll, wie die dichten Baumkronen ein schützendes Dach über den Waldboden und alles, was darauf und darin lebt, spannen. Mit so einem Start in den Tag können die übrigen Aufgaben nur leicht von der Hand gehen! Auch wenn ich bei jedem Aufstieg in den ersten Stock unseres Hauses an diesem Tag in meinen Beinen spüre, dass dies nun eindeutig eine sportlich aktive Woche ist ... Der fünfte Tag bringt einen flotten Spaziergang, durch frostigen Wind, ohne Sonne und Wärme, doch mit Freude im Herzen. Eine wichtige Intermezzo-Übung ist natürlich Savasana. Die schwierigste und wichtigste Übung aus dem Yoga: die Totenstellung – vorzugsweise von mir nach dem Mittagessen am Sofa praktiziert, mindestens eine halbe Stunde lang! Man muss zwischendurch einmal einen Tag lang richtig faul sein, damit die armen müden Muskeln regenerieren können – das nehme ich definitiv seeehr ernst! Der Samstag wird also aufgelockert durch einen beschwingten Sonnenspaziergang mit meinem Liebsten. Auszeit zu zweit ist nämlich auch ein wichtiger Bestandteil unserer Gemeinsamkeit. Richtiges Yoga, nicht nur die Totenstellung alleine, kommt heute noch als schöner Abschluss dieser Woche. Als Belohnung. Es gibt nichts Schöneres, Einstimmenderes auf eine neue Woche, als eine richtig ruhige Yogastunde!

 

Ohhh - halt, stopp, aber natürlich! Jetzt hätte ich es fast vergessen: Es gibt heute noch etwas Besseres. Oder zumindest gleich Gutes. Als Sonntags-Zuckerl sozusagen, mit oder ohne Yoga danach. Darf ich euch ganz herzlich einladen, heute gemeinsam mit mir von 19 bis 20 Uhr die Radiosendung „Lesen hören“ auf Radio Salzburg zu genießen? Der Salzburger Autor Walter Müller, dessen neues Buch „Der Zauber der Sonntagnachmittage“ ich lektorieren durfte, liest heute eine ganze Stunde lang Texte aus seinen Büchern, mitunter eben aus diesem allerneuesten, das ich nur wärmstens empfehlen kann. Horcht mal hinein, vielleicht habt ihr dann ja auch schon eine wunderbare Geschenksidee für dieses Jahr für einen lieben Menschen. Also: Tasse Tee kochen, Müller hören, Yoga, und die neue Woche kann kommen!

 

So, und nun eine ganz ernst gemeinte Frage: Vielleicht war das nun diese Woche wirklich außergewöhnlich viel Zeit für mich, verpackt in kleinere und größere Sporteinheiten, nur wieso um alles in der Welt brauche ich oft eine halbe Ewigkeit, um mich – nach einer intensiven Arbeitsphase, in der ich auch nicht einmal die zehn Minuten am Tag abzwacke, um wenigstens fünfmal die Sonne zu grüßen (yoga-technisch) – einfach aufzuraffen und doch ab und zu was für mich zu tun? Warum vergesse ich immer, dass genau diese Stunden die besten Kraftquellen sind, die mich viel munterer, konzentrierter und gleichzeitig entspannter für die anstehenden Aufgaben machen? Muss ich mir irgendwohin einen riesengroßen Merkzettel hängen, der mich regelmäßig daran erinnert, dass ich mir etwas Gutes tue, wenn ich mir einfach für mich Zeit nehme? Und dass das gut geht? Erinnerungsfunktion im Handy: „Hallo, es ist allerhöchste Zeit für Eva-Zeit!!!“?

Und da muss ich jetzt an eine meiner Lieblingspostkarten denken, auf der geschrieben steht: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm’ nur so selten dazu!“ Ja genau. Und eigentlich will ich es ja auch ganz anders, nur leider komm’ ich eben so selten dazu ...

 

Auf alle Fälle hat wieder der Optimismus Einzug gehalten in meinen vier Wänden und in meinem Herzen: Die Sonne lacht seit Tagen vom Himmel, kürzer schon, herbstlicher ja, nicht mehr so stark, aber sie lacht. So lache ich mit, und wer weiß, vielleicht komme ich ja diesen Spätherbst etwas mehr dazu, so zu sein, wie ich wirklich bin?

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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