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Perspektivenwechsel

Kennt ihr solche Momente, in denen ihr das Gefühl habt, dass ihr jetzt gerade neben euch steht und euch zuseht? Auf einmal eure Stimme anders wahrnehmt und euch denkt: „Hab’ ich das gerade gesagt? Rede ich wirklich so?“ Mir passiert das manchmal. Vor allem, wenn ich etwas sage oder mache, von dem ich mir vielleicht vor zehn oder fünfzehn Jahren nie gedacht hätte, dass ich das einmal sagen oder machen werde. Völlig doofe, überhaupt nicht notwendige, tadelnde Worte, an meine Kinder gerichtet zum Beispiel. Vor zwei Tagen. Da saß ich wirklich plötzlich in Mini-Format auf meiner eigenen Schulter und dachte mir: „Oh Gott, bist du spießig geworden!!!“ Das Komische und Eigenwillige an diesen Momenten ist dann aber auch wieder, dass ich sie nicht festhalten kann. Ich kann nicht sagen: „Oh, lässig, ich schaue mir gerade selbst dabei zu, wie ich bin, das gefällt mir, in der Position bleibe ich jetzt einmal eine Weile.“ Genauso schnell, wie dieser Einblick von außen kommt, ist er auch wieder weg. Verpufft. Nicht steuerbar. Fast ein bisschen gespenstisch, dachte ich mir auch da, aber irgendwie hat es gut getan. Ich habe nämlich dann wirklich über meine Worte gelacht, habe den strengen Wind aus meinen verbalen Segeln genommen und mit den Burschen geblödelt, eine Persiflage meiner selbst gespielt und somit gerade noch die Spießerkurve gekratzt.

 

Dass es mir gleich gestern wieder passierte, ist fast schon etwas gruselig, denn normalerweise häufen sich bei mir diese Momente nicht in kurzer Zeit. Das muss vielleicht an einer günstigen Sternenkonstellation liegen, der Mond im zweiten Viertel, Mars und Jupiter im dritten Haus und das Zeichen meines Aszendenten ... Nein, Spaß beiseite, Gerda Rogers und Co. sind mir fern wie die Gestirne selbst, da kenn’ mich überhaupt nicht aus. Aber irgendetwas muss schon in der Luft liegen, denn umsonst kommen mir solche „Aus-der-Haut-schlüpfen-und-beobachten“-Momente nicht an zwei Tagen hintereinander unter.

 

Gestern war es auf meiner Laufrunde. Ausnahmsweise trat ich die zu einer für mich absolut unüblichen Tageszeit an: um halbdrei am Nachmittag. Nicht die beste Zeit, definitiv nicht. 1.) hatten meine Beine schon einige Staubsauger-Gassitouren, Stiegenfluchten und Dachbodenordnungs-Leiterklettereien intus, 2.) war das Mittagessen erst eineinhalb Stunden her und 3.) waren Scharen von Menschen auf meinen sonst so wunderbar einsam verlassenen Wegen unterwegs. Das mag ich nicht. Der schlimmste Völkerwanderungs-Abschnitt ist zwar bald zu Beginn meiner Runde, das ist wirklich eine örtliche Wochenendspaziermeile, doch sogar im Wald, wo ich sonst nur Fuchs und Hasen Guten Morgen sage, musste ich gestern so manche Spaziergängerin samt Begleitung von hinten mit einem „Achtung, nicht erschrecken, Läuferin kommt!“ warnen. Ihr lacht über meine Warnung? Ich sage es euch, mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen. Einmal erschrak eine ältere Dame so entsetzlich, weil sie mich nicht kommen hörte und ich dann auf einmal mit meinem Superrenntempo bei ihr vorbeistaubte, dass sie mir fast in den kleinen Graben neben dem Waldwegerl gepurzelt wäre. Ob es meine wahnsinnig rasante Laufgeschwindigkeit, mein Dampflokomotivenschnaufen dann fast an ihrem Ohr oder meine schauderbare Gestalt – Räuber Hotzenplotz und Hexe Kniesebein in Personalunion quasi – war, kann ich so genau nicht sagen. Das Risiko möchte ich allerdings nie wieder eingehen! Ich bin ganz schlecht in Erster Hilfe und Wiederbelebung. Daher meine Warnrufe ... Aber zurück zu meinem zweiten Schultersitzerlebnis: Da war er auf einmal wieder, dieser Moment, in dem ich weniger Pilotin meiner selbst als Passagier war. Plötzlich kamen mir solche Gedanken wie „Wie sieht mich jetzt eigentlich das Gegenüber, wenn ich da daherkomme?“ oder „Wie wirke ich auf diese beiden Kinder, die dort spielen? Kommt mein Lächeln, das als mildes, wohlwollendes „ihr-gefällt-mir“-Lächeln gedacht ist, auch so an, wie ich das möchte? Sehen die mich als sportliche junge Mama oder viel mehr schon als eine drollige mittelalte Frau, die sich vielleicht doch besser überlegen sollte, wie die anderen mittelalten Damen gemütlich spazieren zu gehen als sich da so arg schnaufend abzuplagen?“ Und drei Finger aufs Herz, das frage ich mich wirklich nicht, weil ich eitel bin. Diese Dinge interessieren mich sonst nicht, es ist mir schnurzpiepegal, wie Jung oder Alt, Männlein oder Weiblein mein Laufen interpretieren und was für eine Figur ich dabei mache; ich gehe prinzipiell davon aus, dass mir begegnende Menschen mich sowieso gar nicht beachten, weil es tatsächlich Spannenderes gibt als eine joggende Freizeitsportlerin. Aber in solchen „Ich-sitz-mir-auf-der-Schulter“-Momenten kommen diese Gedanken, unweigerlich, weil ja ich dann kurz im Außen und somit mir gegenüber bin. Und heute dachte ich mir, es wäre doch wirklich einmal ein interessantes Experiment, so einen Tag lang – unwissend und ahnungslos – gefilmt zu werden, bei allem, was man tut und was man sagt, wie man geht und wie man steht und wie man eben durch die Pampa läuft. Und sich das dann ansieht. Wie würde es mir gehen? Würde ich mich genau so sehen und erkennen, wie ich glaube zu sein? Wäre ich völlig vor den Kopf gestoßen, weil ich immer glaube, ganz anders zu sein / mich zu bewegen / zu wirken / zu klingen? Wäre dieses Experiment leicht durchführbar, ich würde mich sofort als Probandin zur Verfügung stellen. Weil es eben so spannend ist, dass man immer und immer wieder an die Grenzen der Kommunikation stößt, verbal und nonverbal. Wie häufig wird man nicht so verstanden, wie man glaubt, verstanden werden zu müssen aufgrund dessen, was man von sich gibt? Das muss doch wohl daran liegen, dass unsere Mimik und Gestik und das von uns Gesprochene nicht so aufgenommen werden, wie wir glauben, dass sie es werden müssten, oder sollten. Weil sie für das Gegenüber anders klingen als in unserem inneren Ohr, weil wir anders wirken als vor unserem inneren Auge.

 

Der Traum ist manchmal ja auch so eine externe Kamera, die uns erlaubt, uns selbst bei etwas zuzusehen. Nur, dass es erstens keine Realitätserzählung ist und zweitens das Ganze auch oft recht vernebelt wirkt, in Summe wir nicht wir selbst sind und das Ganze nicht greifbar ist. Aber genau so stelle ich mir das vor, dieses Sich-selbst-Zusehen. Bitte, liebes Christkind, dürfte ich das einmal erleben? So in voller Länge, einen ganzen Tag? Heute wäre ja der erste Adventsonntag, vielleicht hörst du meinen Wunsch?

 

Doch was, wenn ich mich dann selbst nicht mehr mag? Oje, ich glaube, heute bin ich ein wenig versponnen. Etwas verwirrt? Ent-rückt? Ver-rückt? Aus. Schluss. Fertig. Es ist vielleicht an der Zeit, aus meinem Denkexperiment nun wieder schön brav, ordentlich und gesammelt, ich in mir sozusagen, auszusteigen und in meinen Alltag zurückzukehren und einfach so zu sein, wie ich bin. Schließlich hat es meine liebe Bande recht gut ausgehalten mit mir die ganzen letzten Jahre ...

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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