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Ohne Flügel

Winterzeit. Der Schnee nimmt Lautstärke und Tempo aus allem. Er bedeckt die Natur mit seinem Ruhemantel und gebietet ihr zu rasten und im Erdreich in den Wurzeln Kräfte zu speichern. ... Leise rieselt der Schnee ... ... A – B – C, die Katze lief im Schnee ... Immer, wenn Neuschnee fällt, kommen mir alte Kinderlieder in den Sinn. Vielleicht, weil in mir bei den vom Himmel tanzenden Schneeflocken das Kind wieder erwacht, eine alte, kindhafte Freude aufsteigt. Auch wenn ich nicht gleich hinausstürme, um aus dem kalten Weiß Schneemänner und Iglus zu bauen und mich in Tunnels durch den Garten zu graben. Ich mag ihn ganz einfach, auch wenn er einfach nur da liegt. Er ist der Natur, unserem Garten, ja selbst dem Gartenzaun einfach wunderschöne Zier. Aus den geradlinigen Holzplanken macht er weiche geschwungene Wellen, auf den Pfosten türmt er sich in Form riesengroßer Hauben auf, er rundet Äste, glättet Unebenheiten und zeichnet so ein sanfteres, weicheres Bild in die Landschaft. Es tut dem Auge gut, diese weiße Decke zu betrachten, darin zu versinken, darauf zu spazieren.

 

Von dieser in Schneewatte gepackten Welt ist der Gedanke zu den Wolken nicht weit. ... Dort, wo die Englein schlafen ... Ein ganz  lieber Mensch hat im Spätherbst anlässlich eines endgültigen Abschieds geschrieben: Engel ohne, jetzt mit Flügel nennt man Oma. Diese Zeile hat mich berührt. Ich hatte auch ganz lange einen an meiner Seite, einen solchen Oma-Engel, der nun schon seit zwei Jahren die wohlverdiente Erleichterung von Flügeln bekommen hat. Doch es gibt sie tatsächlich auch unter uns, zahlreich sind die Engel ohne Flügel, die irdischen Engel, nicht Erzengel also, sondern Erdengel. Und dazu müssen sie nicht einmal Oma sein, vielleicht ist es eine gute Voraussetzung, doch keinesfalls Aufnahmekriterium in die Engelsriege. Ich frage mich auch manchmal, ob diese selbst überhaupt um ihre Bestimmung oder Zulassung als solche Erdengel Bescheid wissen? Ihr Engeldasein hat solch ein Selbstverständnis, dass ich ganz stark vermute, sie sind es, ohne es zu ahnen.

 

Und wisst ihr, was mein großes Glück ist? Dass ich solche flügellose Engel immer wieder treffe! Sie begegnen mir häufig und manchmal frage ich mich wirklich, wieso gerade ich so bevorzugt bin, so häufig mit ihnen in Kontakt zu kommen. Liegt es daran, dass ich sie irgendwie anziehe? Liegt es daran, dass ich sie eher erkenne als andere? Oder liegt es ganz einfach daran, dass sie ob meiner zeitweisen Hilflosigkeit so sehr Erbarmen mit mir haben, dass sie sich ganz einfach meiner häufiger annehmen als anderer Menschen?

 

Kurz vor Weihnachten zum Beispiel begegnete mir ein solcher Engel auf meinem Fußweg zu jenem Postkasten hin, in den ich einen Brief mit einem besonderen Wunsch stecken wollte. Der Wunsch war, dass genau dieser Engel bald Zeit finden würde, mit mir spazieren zu gehen, da andere Begegnungen zurzeit weder erwünscht noch empfohlen sind. Da war er aber schon da, bevor ich diesen Brief überhaupt erst abgeben konnte! Spaziergang inbegriffen, denn am Weg waren wir ja beide schon und daraus einen gemeinsamen Weg zu machen, war ein Leichtes.

 

Eben der gleiche Engel hatte gestern eine mehlweise Wange und verräterische Mehlspuren an Schulter und Schürze, als ich ihm – wieder einmal – was vorbeibringen wollte. Dass meine Mehlspeisenküche noch kalt, mein Besuch schon ein paar Stunden später angekündigt und des Engels Küche voller frischer Krapfen war, konnte jetzt doch wirklich kein Zufall mehr sein, oder?!? Gestern schon wollte ich die Unterlagen vorbeibringen, es kam was dazwischen, dann heute in der Früh, doch da kam wieder etwas dazwischen, und zu der Zeit, wo eben dann alles passte und sich nichts mehr dazwischen schob, dufteten die fertigen Krapfen in der Küche. Zufall? Das kannst du nicht einmal einem Nicht-Engel erzählen. Engelhaft großzügig packte das Mehlwesen mir gleich fünf köstliche Kostproben ein, einfach so. Wer wird denn da noch zögern?

 

Ein anderer Engel lud meinen Jüngsten zum Schifahren ein, kürzlich, genau an jenem Nachmittag, an dem ich so dringend zwei Stunden Zeit für mich (zugegeben nicht ganz privat, natürlich wieder einmal für meine Arbeit) brauchte. Einfach so! Ohne Hilferuf, ohne Inserat für Kindersitter, ohne überhaupt darüber gesprochen zu haben! Wie bestellt.

 

Gleichsam wie bestellt zuletzt die Eier, selbst eingesammelt von den eigenen Hühnern von einem weiteren Erdengel. Prompt an einem Tag, wo weder die eine noch die andere Eierquelle etwas herzugeben versprach und ich eben genau an diesem Tag meinen Söhnen im Wort war, zu Mittag ihren geliebten Kaiserschmarrn zu servieren. Keine Lebensnotwendigkeit so ein Kaiserschmarrn, das ist mir bewusst, doch trotzdem war es ein segenreicher Glücksfall, dass – als kleines Dankeschön für eine andere Kleinigkeit – plötzlich die ovalen Alleskönner vor der Türe standen. Ohne Vorankündigung, nicht einmal mit Klingeln an der Tür, um sich ein Dankeslächeln abzuholen. Einfach leise und großherzig abgegeben.

 

Ein ganz besonderer Engel, noch sehr jung, aber deswegen keineswegs unerfahren in Engelgehabe, räumt eines Tages am späten Vormittag, ohne aufgefordert worden zu sein, den Geschirrspüler für mich aus und beginnt zu kochen, weil er merkt, dass ich mich in den Patientengesprächen schon wieder verzettle und in meiner Termineinteilung eindeutig weniger effizient bin als der E-E mit seinen Mathematikaufgaben, und aus reinem Mitgefühl einfach ein paar Punkte meiner to-do-Liste übernimmt, um meinen zeitlichen Verzug zumindest ein klein wenig auszugleichen.

 

Ein durchaus sportlicher Engel hatte erst kürzlich wirklich sehr viel Empathie mit mir gezeigt und mich, ohne lange zu überlegen, mit auf den winterlichen Berg genommen. Dass mir der Berg nämlich unglaublich fehlte, das spürte sie, äh, er, also eben der E-E, dass mir die Erfahrung fehlte, das nahm er nicht so ernst, und dass mir vielleicht auch die Kondition fehlte, das war ihm egal. Auf welch zauberhafte Stunden er mich da entführen würde, das verstand ich erst, nachdem ich oben und wieder herunten war, und wie lange ich davon zehrte, das hätte ich mir im Vorhinein nicht im Traum ausgemalt! Den ganzen Tag fühlte ich mich dann wirklich beflügelt ... Glasklares Bachwasser, kleine Eisfälle, ein Gurgeln und Glucksen als Begleitung unserer Schritte, dann wieder von einem leisen Lüftchen von den Bäumen gewehte, abertausende Schneekristalle, die im Sonnenschein funkelten und glitzerten. Winterluft. Blau und weiß. Weich und still.

 

Manche Engel rufen mich genau dann an, wenn ich schon längst das Gefühl habe, dass ich sie anrufen will. Nur kommen sie mir eben zuvor, weil ich durch irgendetwas Unengelhaftes abgehalten wurde. Sie sind dann meistens noch so ehrenwert und meinen, es sei ja nur ein Zufall, dass sie mich zuerst, und ich sie noch nicht ... Das gemeinsame Aneinanderdenken führt uns immer wieder zusammen.

 

Und ein flügelloser Engel begleitet mich schon sehr lange sehr geduldig und liebevoll. Versteht mich. Nimmt mich so, wie ich bin. Knipst meine Nachttischlampe aus und gibt mir einen sanften Kuss auf die Wange, wenn ich wieder einmal sehr früh über meinem Buch (oder auch ohne Buch, im müden Versuch, zum Buch zu greifen) unter dem hellen Schein der Glühbirne eingeschlafen bin.

 

Engel, Engel, rundherum – was bin ich nur für ein Glückskind!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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