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Seelelüften

Mein Frischluftbedarf ist derzeit höher als das Verlangen nach Kaffee und Kuchen. Schön langsam wackelt der Boden unter meinen Füßen, die Strohhalme, an denen ich mich anzuklammern versuche, knicken einer nach dem anderen, die Elefantendickhaut, die ich eigentlich trage, wird dünner und durchscheinend, aussichtsreiche Termine in der Zukunft werden zu veränderungslosen, abgehakten Kalenderwochen und Vorfreude metamorphosiert zu Sehnsucht.

 

Es ist kein Kuchen für Besuch zu backen, es ist wurscht, dass der Holzboden Rutschspuren von Gummibällen und Matchboxautos trägt, ob Fensterbänke staubig und Scheiben angetapst sind, es muss nichts vorbereitet, hergerichtet oder adrett verschönert werden – außer mir oder uns selbst erfreut sich keiner an solchen Aufmerksamkeiten, und wir selbst sehen sie kaum, weil uns das Zuhause schon wie eine zweite Haut angewachsen ist, von der wir uns nicht mehr unterscheiden und die wir so auch nicht mehr mit objektivem Auge betrachten – ob aufgemascherlt oder nicht, wir sind immer da. Selbst nach Faschingsdeko ist mir so überhaupt gar nicht. Bin zwar nie der große Faschingspartytiger gewesen, doch heuer geht’s einfach gar nicht. Da hätte ich am liebsten noch die Weihnachtskrippe bis Ostern verlängert aufgestellt gelassen, ist sie doch Ausdruck von Geborgenheit und Zuversicht, von Neuanfang und Hoffnung. Da es dann aber vielleicht in Richtung März doch etwas eigenwillig anmutet, den Hirten mit seinen Schafen immer noch neben dem trauten hochheiligen Paar stehen zu sehen, werde ich meine liebgewonnen Figuren zu Mariä Lichtmess doch in den Dachbodenkarton packen. Die Hoffnung lasse ich allerdings heraußen.

 

Selbst in der Kommunikation ist zurzeit alles irgendwie verkehrt oder zumindest ziemlich schräg. Behauptet jemand, er sei „negativ“, gratulieren ihm die anderen und freuen sich mit ihm. Schüler werden nur in die Schulen geschickt, wenn es die „Mutti daheim halt einfach nicht schafft“. Trifft man eine Nachbarin mit einer Freundin an der Seite, kommt gleich die entwaffnende Erklärung, dass das ihr „sozialer Kontakt“ sei, damit das Gegenüber ja nicht auf falsche Gedanken kommt. Na hoffentlich. Am Weg nach Hause versuche ich mir vorzustellen, wie es wäre, mit jemandem spazieren zu gehen, dessen „sozialer Kontakt“ man nicht ist, und wie viele Menschen sich vor einem Jahr freuten, immer und immer wieder „negativ“ zu sein. Ein sauerlustiges Schmunzeln kräuselt meine Lippen. Mittlerweile gibt es tatsächlich auf diversen Internetforen Leihhunde, damit man auf alle Fälle zweimal am Tag Gassi gehen kann. Und wer irgendwo frühzeitig eine Impfdosis erwischt hat, schmeißt eine Party, so freut der sich. (Bürgermeister allerdings werden dafür geschasst, die haben’s nicht leicht.) Ohne Gäste selbstverständlich! All ihr Geimpften, vereinet euch! Vielleicht treffen sie sich ja auf Zoom-Meetings. Und bitte es mir jetzt nicht übel zu nehmen, aber bei „Zoom-Meeting“ muss ich komischerweise an „Zombie“ denken. Keine Ahnung, woher diese Querverbindung kommt, vielleicht, weil einfach alles schon nur mehr so unnatürlich, so irreal wirkt. Vielleicht trägt die Definition „willenloses Werkzeug“ für Zombie dazu bei. Sind wir auch nicht so sehr willenlos, wie ein Werkzeug kann so mancher sich zur Zeit schon fühlen. Funktionieren müssen wir, Sentimentalität und Sozialgeplänkel haben in Zeiten einer Pandemie aber keinen Platz.

 

So geht die Eva, mit all diesen verqueren Gedanken in ihrem Gehirn umherwirbelnd, dann halt einfach hinaus. Es reicht. Der Kopf raucht, auf der Seele brennt es, und weil der Sohn völlig illegal ein paar Spielstunden mit dem Freund verbringt, kann sie, die „Ich-schaff’-das-alles-nicht-mehr-Mutti“, einmal durchschnaufen. Besser. Besser als am Abend dann darüber zu grummeln, dass das Wetter eigentlich schön gewesen wäre und sie sich wieder in Kleinigkeiten im Innen verzettelt hat. Einfach raus, besser als denken, besser als planen, besser als grübeln und nörgeln, besser als schimpfen und ärgern.

 

Und dann wäscht die Natur die trüben Gedanken rein, fegt das Grübel-Gekrümel aus dem Kopf und bringt Frische in die malträtierten Gehirnwindungen ...

 

Windgepresstes Weiß. Eine Einladung, ohne Text, nur in sanfter Form und ruhiger Farbe. Der Tisch ist gedeckt. Das Menü: eine Überraschung. Zu entdecken Zug um Zug bergan in Stille. Die Neugierde ist da. Die Schönheit auch. Zu schwer werdende Schneepolster lösen sich lautlos von zu dünnen Ästen. Sie ächzen vorher nicht, doch danach sind sie erleichtert. Leise gleiten die Skier durch den Schnee, Schritt für Schritt spürbar höher, Schritt für Schritt weiter dem Alltag, den Geräuschen, dem Gedankenlärm entkommend. Den Pfad verlegen dicke umgestürzte Baumriesen. Sie wollten sich nicht zur Ruhe begeben, doch ihre flachen Wurzeln konnten einem der Winterwinde nicht genug Gegenwehr leisten. Ein Reh hat ebenfalls den Weg darüber genommen, seinem Beispiel zu folgen ist kein Kinderspiel. Weit unten der Bach. Mal sprudelt und gluckst er hörbar im tiefen Einschnitt, mal verabschiedet er sich lautlos hinein in weiß aufgetürmte Tunnelröhren. Eiszapfenbärte zieren das fallende Wasser, gleich einem Vorhang, der die ohne Unterlass stattfindende Vorstellung des Sichhinabstürzens nur dezent heimlich preisgibt. Kontinuierlich, unbeirrbar, gleichmäßig, kaltnass. Gut kalt, doch angenehm erfrischend das Quellwasser, wie für uns angerichtet, ein Labsal der besonderen Art. Wintererd-temperiert. Die Spuren des Rehs verraten seine Leichtfüßigkeit, sein selbstverständliches Vorankommen in dieser tief verschneiten Landschaft. Dem schmalen Pfad, dem baumgesäumten Weg entstiegen, die offene Weite im Auge und im Herzen, haben er und sie leise Skrupel, das schöne, geschmeidig geschlossene Weiß zu zerschneiden. Der Tannenhäher ist gleicher Meinung. Alleine fühlt man sich hier heroben, doch ist man es nicht. Wie viele Augenpaare wohl auf uns ruhen? Ein Wind erhebt sich, wirbelt Schneefahnen hoch, die kleine Lärche duckt sich unter ihrer Haube. Einen Stock höher noch, den einen Zopf wollen wir flechten, bevor wir dem Berg ein tief empfundenes Lebewohl sagen und ihm danken, uns für ein paar zeitlose Momente Zufluchtsort gewesen zu sein. Dem Ohr Stille, dem Auge Ruhe, dem Herzen Freiheit, der Seele Luft.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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Kommentare: 1
  • #1

    Alfred Slowak (Sonntag, 31 Januar 2021 20:39)

    Seelelüften...einfach genial beschrieben und tut der Seele GUT! Es erinnert mich an das Preber Gebiet!

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