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Viel versprochen

So, und nun? 23.03 Uhr am sechsten Tag dieser Woche und ich habe das eigenartige Gefühl, dass ich irgendetwas auf die lange Bank geschoben habe, was ich in diesen letzten Februartagen eigentlich so ganz angenehm weitblickend zeitig und früh erledigt wissen wollte. Es will und will mir nicht einfallen. Zu voll der Kopf, oder zu leer? Wieder einmal Ansichtssache.

 

Kennt ihr Yakari? Den kleinen Sioux-Indianer, dessen bester Freund ein weiß-schwarz geflecktes Pony namens Kleiner Donner ist? Unsere Yakari-Zeit ist leider vorbei, selbst der Jüngste der Dreierbande dreht die Augen drüber, wenn ich vorschlage, mal wieder eine Yakari-Geschichte anzuschauen. Doch mir sind diese netten kleinen Anekdoten, die gespickt sind mit feinen moralischen Botschaften in kindgerechter Aufmachung, sehr gut in Erinnerung. Eine solche Geschichte von Yakari trägt den Titel ‚Zu viel versprochen’. Und auch wenn es nun schon wirklich mindestens zwei Jahre her ist, dass meine Burschen gerne mit Yakari gemeinsam Abenteuer erlebten, ist mir diese Erzählung noch ganz lebhaft in Erinnerung. Der kleine Sioux verspricht links und rechts und rundherum zu helfen, weil er eben ein guter Sioux sein möchte, und kommt dadurch ganz schön ins Schleudern, weil er auf die meisten Versprechen dann einfach vergisst.

 

Ich erkenne mich in dem kleinen Kerl wieder. Nicht so sehr, weil ich auf Versprechen vergesse, sondern viel eher, weil ich durch viele Zusagen immer wieder ins Schleudern gerate. Helfen gehört zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen, das kann ich glaube ich so sagen. Mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten einem anderen zu helfen ist für einen selbst ein Leichtes. Gewisses wirkt für den, der es kann, wie ein Kinderspiel, und für den anderen mag es eine unangenehme Bürde sein. Nur: die Zeit! Meine gute alte Freundin – sie ist nicht unbegrenzt. Was erschwerend zur liebevollen Neigung zum Helfen dazu kommt, ist mein immerwährendes Interesse an Neuem. Ich kann den Hals einfach nicht voll kriegen, ich liebe es, über mir noch nicht bekannte Dinge etwas zu erfahren. Dolmetscherkrankheit. Dieses Einlesen in unbekannte Fächer, um dann einen guten Job zu machen, das hat sich mir als bereichernde Gewohnheit ziemlich eingebrannt. So braucht man mir nur einen spannend klingenden Brocken hinzuwerfen und schon beiße ich an ...

 

„Mein Sohn schreibt seine VWA über ein sehr interessantes Thema.“ „Worüber denn?“ „...“ (aus Datenschutzgründen darf ich es nicht erwähnen) Patsch, erwischt. „Oh, das klingt aber wirklich interessant! Meinst du, es wäre ihm geholfen, wenn ich ...?“ Geschehen. Sechs Stunden Arbeit aufgehalst, mindestens, wahrscheinlich eher acht. Dass ich vor Monaten von einer mir so richtig ans Herz gewachsenen Maturantin vorausblickend schon dieselbe Anfrage erhalten und natürlich versprochen habe, ihr genau diesen Gefallen zu tun, und dass diese Arten von Arbeit alle zum gleichen Datum eingereicht werden müssen, infolgedessen auch zur selben Zeit zum Korrigieren in mein Postfach geflattert kommen, das habe ich in diesem leichtfertigen Moment dann wohl tatsächlich vergessen.

 

Ja, und wie es der liebe Zufall so will, hat mein geschätzter Dissertant auf der anderen Seite des Tauern auch die Semesterferien genutzt, um seine letzten Teile der großen Arbeit zusammenzuklauben, und schickt mir voll Freude eben dann auch zur gleichen Zeit das Ergebnis seines intensiven Schaffens. „Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn das dann bis Ende Februar unter Dach und Fach wäre. Könnten Sie ...?“ Ja, ich kann. Denk’ ich halt. Versprochen, patsch. Yakari-Leiden. Ich will doch auch eine gute Sioux, äh, eine gute, verlässliche, stets einsatzbereite Lektorin sein. Yakari-mäßig für diese Woche also absolut zu viel versprochen. Ist allerdings auch schon lange her, dieses Doktoranden-Versprechen. Und nun, überdeckt von vielen Schichten des Alltags, in die kurzfristige Vergessenheit geraten. Den Schwung der Zufriedenheit, den ich aus dem letztsonntäglichen Seelebaumelnlassen mitgenommen habe, den habe ich diese Woche auf alle Fälle ganz dringend gebraucht.

 

Doch wisst ihr, was wirklich ein geniales Gefühl ist? Wenn es dann tatsächlich den vorletzten Februartag geschlagen hat, die Turmuhr das vormitternächtliche Elferläuten übt, ich das letzte Mal auf ‚Speichern’ klicke und ein großes digitales Paket über den Äther in die wartende Ferne schicke. Ein müdes, aber wirklich zufriedenes Gefühl macht sich da in mir breit.

 

Was ich alles gelernt habe durch diese Arbeiten! Ein herzliches Dankeschön an all die Schreibenden und Forschenden, die mir ihr Vertrauen schenken – das muss auch einmal gesagt werden! Man soll ja immer versuchen, den Dingen das Positive abzugewinnen. So weiß ich jetzt, was ein Sohl- und ein Firststollen sind, in welchen Abständen Aborte im Tauerntunnel bei Bad Gastein während seiner Konstruktion eingerichtet wurden, wie viel Millionen Menschen an der Spanischen Grippe gestorben sind und welche Arten der Behandlung es bei Multipler Sklerose gibt. Aber jetzt freue ich mich dann wieder auf richtig amüsante Kinderlektüre. Auf Die Drei ??? Kids abendlich auf dem Wohnzimmersofa. Oder auf Pettersson & Findus. (Und wenn das den Burschen auch schon zu kindisch ist, dann les’ ich es eben alleine!)

 

Ach ja, eine nette Tieranekdote wollte ich euch noch erzählen, Yakari hat ja auch viele Tiere zu seinen besten Freunden: Auf die absolute Pausen-Notbremse ist in dieser Woche für mich nicht mein lieber Mann oder meine umsichtige Tochter gestiegen, sondern unser Kater. Ich wollte Mitte der Woche, nach einem langen Tag mit einer dieser drei mich in ihrem Bann haltenden Arbeiten, nach vielen digitalen Lese- und Tippstunden, nur kurz nachschauen, ob das Feuer im Kamin noch brennt, bevor ich doch glatt wieder zurück an den Bildschirm ging. Spätabendschichten müssen in solchen Zeiten eben sein. Das dicke Holzscheit war nicht gut zu liegen gekommen, es gloste nur so vor sich hin. Ich versuchte, das Ganze zu beleben, doch eher mut- und somit erfolglos. Da kratzte unser Kater Findus mit feuchtkalten Pfoten an der Terrassentür. Er war schon lange unterwegs gewesen und duftete nach Spätwinterschnee und Kaminrauch. Im Haus schlief schon alles. Wir kuschelten uns aufs Sofa. Das Öffnen der Türe hatte so viel frischen Sauerstoff ins Wohnzimmer gelassen, dass die Flammen plötzlich aufloderten und das dicke Holzscheit lichterloh brannte. Der Kater fing an zu schnurren, machte sich richtig schwer und breit auf meinem Schoß und gab mir zu verstehen, dass ich nun sicherlich etwas länger da an Ort und Stelle bleiben müsste. Ich blickte in die Flammen. Das heiße gelborange Spiel wärmte mich innerlich. Ruhe kehrte in mir ein. Ich vergaß das immer noch aktivierte Blaulichtungetüm einen Stock über mir. Ließ den Tag revue passieren. Fühlte mich ein bisschen wie Pettersson. Und spürte, es ist gut so wie es ist.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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Kommentare: 1
  • #1

    Ilse (Dienstag, 02 März 2021 15:26)

    ....so viel Gedanken, Begebenheiten, die ich genauso gefühlt habe, ....aber so wundervoll in Worte gefasst! Danke. Ich warte schon auf eine neue Folge!

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