Schwärmereien

 

Sonntagmorgen sind prinzipiell schöne Morgen. Nicht zuletzt, weil ich in diesen ruhigen Stunden häufig für euch schreibe. Heute begann er für mich nicht in der Ruhe des Morgenschlafs der anderen. Nein, heute saß ich nicht um sechs Uhr bei Morgenglühen am Schreibtisch – was aus wettertechnischer Sicht auch nicht gut möglich gewesen wäre, da seit einigen Tagen der eiskalte Polarwind um unser Haus pfeift und die Sonne eher hinter den Horizont verbläst als sie zum Glühen bringt –, sondern gut ausgeschlafen, königlich frühstücksversorgt und guter Dinge am späten Vormittag. Seit Mittwoch überlege ich immer wieder in Richtung eines schönen Frühlingsanfangstexts für euch, doch da mich mein Ehrgeiz wieder einmal gepackt hat und ich meinen Buchautor mit einem fertig korrigierten Manuskript (das eigentlich für nach Ostern angekündigt war) eben genau zu diesem Frühlingsbeginn überraschen wollte, habe ich mal wieder meine Pläne auf den Kopf gestellt und aufgeschoben, was eben nicht ganz so dringend war ... Und nun sitze ich da, habe mir sogar meine Lieblingskerze angezündet, um die Inspiration in meinen Schoß fallen oder besser in meine Fingerspitzen fließen zu lassen, und die inspirative Stimmung ist ebenso im Keller wie die gar nicht frühlingshaften Temperaturen draußen.

 

Der Jüngste heult in seinem Zimmer. (Ist der nicht schon viel zu alt zum Heulen?) ‚Übernachtig’ sagen die Kärntner dazu. Otto Waalkes musste gestern seine Plattdeutschkünste gegen ein elfjähriges Mädchen aus Ostfriesland in ‚Klein gegen Groß’ unter Beweis stellen. Da meine beiden Burschen absolute Fans von diesem mittlerweile im achten Lebensjahrzehnt angelangten Komiker sind, mussten wir aufbleiben. Müssen stimmt jetzt auch wieder nicht, denn in unserem Gästezimmer zu fünft auf dem Sofa zu sitzen, ein paar Chips zu knabbern und gemeinsam Tränen zu lachen, ist sicherlich kein Muss. Allerdings entschuldige ich mich auch immer wieder von dieser Samstagabend-Tradition, ist nämlich das Haus so herrlich still, wenn vier von fünf vor dem Fernseher sitzen und zufrieden sind. Gestern nicht, Otto Waalkes war einfach zu verlockend. Dass derartige Sendungen eine genial gute Regie haben und der Zuseher sich ganz schlicht und ergreifend überhaupt nicht zwischendurch vom Bildschirm loseisen kann, weil das eine ins andere übergeht und alles wirklich interessant und ansprechend präsentiert wird, hat mir die gestrige Sendung wieder einmal eindrucksvoll gezeigt. Ich, wirklich, ich Eva A., normalerweise absolute Fernsehverweigerin (Ausnahmen bestätigen die Regeln), ich blieb doch tatsächlich, trotz loderndem Feuer mitsamt Kater am Wohnzimmerlieblingsplatz, vor dem Fernseher picken. Und es waren nicht die Chips! Ehrlich! Um die reiße ich mich nämlich genauso wenig wie um Fernsehstunden. Ja, und da die gute Regie die Highlights natürlich stets erst gegen Ende der Show platziert, mussten wir eben wirklich lange dranbleiben, um unseren verehrten Otto zu Gesicht zu bekommen. 23.00 Uhr für unseren Jüngsten ist sehr spät. Und auch wenn er es geschafft hat, dank dunkler Vorhänge und rücksichtsvoll leiser restlicher Familiencrew, fast zehn Stunden zu schlafen, ist er doch etwas, na ja, sagen wir mal aus dem Tritt. Grantig. Unrund. Übernachtig halt.

Der Mittlere bemüht sich, ist aber doch irgendwann mit seiner Geduld am Ende und kommt alle paar Minuten zu mir ins Büro, um sich bezüglich möglicher Zeitvertreibideen zu erkundigen. Diese Vorschläge hören sich allesamt ziemlich digital an und digital und rechteckig ist heute eben einfach nicht drin nach diesem langen TV-Abend. Schwer zu akzeptieren. Einziger Trost in dieser uninspirativen Stimmung ist, dass die brave Große schon wieder in der Küche schnippelt, um unsere Gaumen mit einer Sonntagsüberraschung zu verwöhnen.

 

Doch ich wollte euch ja gar nicht einen detaillierten Bericht vom häuslichen Stimmungsbarometer schreiben. Ich wollte den Frühling besingen!!! Ja, Frühling ... Wo bist denn du genau? Versteckst du dich in den Maulwurfshügeln, die unser meist nur angrenzender Erdbewohner zuerst verdächtig diagonal und dann bogenförmig schön langsam in Richtung unserer Wiese gräbt? Nicht, dass ich meinem Nachbarn die Umgrabungsarbeiten wünsche, doch ziemlich sicher würden sie ihn weniger stören als uns, da er quasi nie da ist. Vielleicht sollte ich dem Maulwurf zu Ostern einen Grundstücksgrenzen-Lageplan schenken, samt Brille und Stirnlampe selbstverständlich, damit er mit elegant parabolischer Krümmung unter dem Zaun wieder schön zurück in Nachbars Garten gräbt. Versteckt er sich in den fast herbstlich wirbelnden Blättern im Garten? Unser Kater hat eine rechte Freude mit den sportlichen Laubjagdeinheiten, die ihn sicherlich in Spannkraft und Lauerfähigkeit gut für die kommende Maussaison trainieren. Die äußerst weiten Schneefelder auf der gegenüberliegenden Nordseite unserer Nachbarweide geben auf alle Fälle den Grashalmen ganz klar zu verstehen, dass sie sich gut Zeit lassen können mit dem Grünen.

Es ist bei uns im Lungau einfach noch ein bisschen früh im Jahr für Frühjahr, frisch und farbenfroh.

 

Doch eines lässt sich nicht verbergen, weder durch Wind noch durch Kälte, und darin steckt wohl die meiste Kraft des Neubeginns in dieser Jahreszeit: Die Tage sind schon herrlich lang. Wir stehen nicht mehr mitten in der Nacht auf, wenn wir um sechs Uhr die Kirchenglocken aus einem lichten Morgen läuten hören. Wir können auch spätnachmittags einen Spaziergang machen, ohne von der Finsternis überrumpelt zu werden. Und wir spüren zwischendurch, in Wolken- und Windpausen, bereits die wärmende Kraft der Sonne, die den Boden zum Tauen bringt – und nicht zuletzt den Maulwurf weckt!

 

Auf der etwas verzweifelten Suche nach Inspiration, wahrscheinlich auch nach ruhiger Regelmäßigkeit, bin ich heute Vormittag übrigens auf einen faszinierenden Künstler gestoßen: Sadeck Waff zeigt in seiner mitreißenden Schwarm-Choreografie, was man mit Takt, Rhythmus und dem Schönen im großen Ganzen machen kann. Sein Team und er sind alles andere als aus dem Tritt: Murmuration, der Name dieses choreografischen Wunderwerks, ist übrigens der englische Begriff für den Tanz der Stare, für deren atemberaubenden Formationsflug. Ein sonntägliches Wow für diesen talentierten Mann und seine Künstlerschar!

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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