Waldklatsch

 

Das Grün ist eher noch braun, die Wärme noch recht kühl.

Das Bunt sucht nach Ergänzung, das Erwachen räkelt sich verschlafen.

Doch ein bisschen riecht es schon nach Frühling. Und die Sonne lockt ins Draußen.

 

Ich wage es. Heute. Das erste Mal nach einem schönen Winter. Nach vielen Wochen Schnee und Eis, Kälte und Wind lasse ich die warmen Winterschuhe in der Ecke stehen und wähle die sportlichen Läufersohlen.

 

Zögerlich fange ich an, zweifelnd, ob die Ausdauer bereits recht ausdauernd ist oder ob ich den Beinen in diesem ersten Versuch ordentlich Beine machen muss. Stück für Stück nähere ich mich meiner Waldstrecke, vorbei an ruhenden Wiesen, entlang von lange nicht regengewaschenen, staubigen Wegen. Nachdem es Januar und Februar zweimal so richtig unwinterlich schütten ließen, zeigt sich der März etwas verschnupft und lässt sich Zeit mit dem erfrischenden Nass.

 

Das Hineinlaufen in den Wald fühlt sich an wie das Betreten einer – meiner – Märchenwelt. Was wird er mir erzählen? Was kann er mir schon zeigen? Viel Schnee im Schatten, und Eis. Die Füße wechseln behutsam von spiegelglatter Rutschbahn auf märzweichen Schnee und an den sonnigsten Stellen sogar auf weichen Waldboden. Und wieder zurück aufs Eis – lärchengenadeltes Eis, schön im Anblick. Akustisch gibt der Wechsel ein leises Patt-patt auf ein unverkennbares Knirsch-knirsch hin auf ein waldnadelschallgedämpftes Bmm-bmm her. Hell und Dunkel, warm und kalt. Wechselhaft. Eben wie der Spätwinter sich zeigte, so spiegeln sich dessen Spuren am Waldboden wider. Beflügelt fühle ich mich, habe den Eindruck, nur so dahinzugleiten, behände, fußgewandt.

 

Doch plötzlich höre ich sie in der Unterhaltung. Es geht um mich! Sie schelten mich? Sehen mein für mich so federleicht wirkendes Patt-pattKnirsch-knirsch – Bmm-bmm eher als das Herannahen eines dem Wald allzu fremden Eindringlings? Finden es deplatziert, dass ich hier hineinplatze? In ihre frühfrühlingshafte Frische? In ihr trällerndes Trollen und jagendes Jubilieren?

 

„Reicht es nicht“, so höre ich sie tschilpend und krächzend schimpfen, „dass die lauten Störenfriede dort, weiter drüben neben den breiten Traktorenbahnen, mit ihren Motorsägen Lärm machen? Jetzt kommt dieser taktlose Zweitakter auch noch daher? Reichen Schnee und Eis nicht als eindeutiger Verweis?“

„Irgendwie beklopft“, hält der Specht kurz inne und klopft meißelnd, meißelt klopfend sogleich weiter an seiner Unterkunft.

„Bist ja noch richtig grün hinter den Laufohren, ziemlich aus dem Tritt!“, jüpp-jüpp-jüppt der Grünling.

„Das sagt gerade der Richtige. Sie ist doch eh flink wie in Fink!“, gibt genau dieser zurück.

„Schäck schäck schäck, wann ist sie endlich wieder weg?

Wie soll man sich denn da in Ruhe auf die Brautschau konzentrieren!“, schäckert der Elsterich gegen mich, anstatt mit Frau Elster zu schäkern.

Sie, auch heute herausgeputzt in ihrem schönsten Federkleid, fliegt entrüstet aus dem Geäst: „Dann schaut wenigstens ihr, wie schön ich bin!“ Und flattert dahin.

„Hallo Schätzchen!“, vermerkt das Eichkätzchen und guckt keck aus seinem Versteck.

„Warum wieselst du so, wenn du sowieso keine Hasel suchst? Nach nichts Ausschau hältst? Außer nach mir? Rennst ja überall vorbei – ei!“

Und sitzt und schaut, so gar nicht erbaut. „Wie vom Winde verweht!“ Und zeigt mir, dass es schneller geht.

Reh und Hase und Fuchs machen keinen Mucks.

Wo auch immer die sind, sie bekomme ich trotz aller Vorsicht nicht zu Gesicht.

Vielleicht ganz gut, wer weiß, was denen noch einfallt zum Fremdling im Wald.

„Raus, raus, raus!“, gibt der Graschgl, als Eichelhäher bekannt außerhalb unseres Gaus, eindeutig zu verstehen, „du kannst jetzt gehen.“

Graschgl, wie wunderbar, sein Name wird aus dem Rufen völlig klar.

Die Idee kommt mir etwas spät, wie würde es klingen, wenn er ‚Eicheln häht’?

Genug der Etymologie, es krächzt schon wieder, das Federvieh:

„Raus, raus, raus!“ Ja ja, verstanden, ich tummle mich fort von eurem Ort.

Und vom Boden kommt ein stilles, ganz zart bittendes „Vorsicht!“ und „leise“ von der erstmals Frühlingsluft atmenden und schon emsigen A-meise.

 

Gnädig nimmt mich der Waldboden gelegentlich auch abseits seiner Menschentrampelpfade auf. Lässt mich schlängeln und ausweichen. Die Luftikusse sehen mir bestimmt amüsiert zu bei meinen Manövern. Die haben es leicht – Luft ist immer gleich griffig. Der festgetretene Schnee ist vielerorts unter Sonne und Wind und noch ein paar Schuhen mehr zu poliertem Eis geworden. Und auch wenn mir der Fink das Flinksein zugesprochen hat, herausfordern muss ich das Glück ja nicht. Ich sehe also zu, dass ich von der Eispiste hinauswechsle auf die sonnenbeschienene Traktorenbahn. Nicht, weil es diesmal nicht schön gewesen wäre im Wald, aber irgendwie wehte mir hier ein recht klarer, frühlingshaft frischer Wind aus den scharf gewetzten Schnäbeln entgegen.

 

Wie ein Pförtner sitzt da eine kleine Meise in einer der hohen, den Feldweg säumenden Birken und tschilpt: „Hopp, hopp, hopp!“ Und gleich noch einmal: „Hopp, hopp, hopp!“ Wenigstens sie ist höflich, treibt mich nicht aus, sondern hilft mir nach Haus. Ein wohlklingendes Anspornen von einem fedrigen Freund am Wegesrand. Ich lächle, bedanke mich bei dem Piepmatz für die Aufmunterung und schaue, dass ich auf leisen Sohlen nach Hause komme.

 

Die nackten Aroniasträucher stehen im eleganten Spalier, reihenweise. Ein stiller Gruß der Natur. Die Kraft reicht gut bis zum Schluss. In meinen Gedanken hallt noch lange der polyphone Waldklatsch nach.

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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