In wachsenden Ringen

 

Eiswind – Windschnee – Ostern? Wer sich in der Karwoche noch Hoffnung auf ein kleines innerfamiliäres Osterlagerfeuer im Garten gemacht hat, mini natürlich, in der Feuerschale oder inmitten eines kleinen Steinrings, dessen Hoffnung wurde am Karsamstag wohl eindeutig mit ein paar Aprilflocken in den Südosten geweht. Dass meine zwei Burschen dennoch stundenlang draußen spielten, fand ich bewundernswert. Und entspannend. In der Osterbäckerei konnte so hindernisfrei gewerkt werden. Wir, also die zwei Damen der Familie, versuchten uns nicht so sehr bei Baumhauskonstruieren und Elfmeterschießen, sondern eher bei Backofenwärme und Germteigduft österlich zu stimmen. Auch wenn meine Hasen heuer eher Spitzmäusen ähnelten, brachten uns die süßen Wunderlinge in Osterlaune.

 

Diese Woche hat mich – mit oder ohne Wetterbericht und mit oder ohne wiederholt steigenden und fallenden Chancen auf Osterfeuer – ohnedies schon ziemlich die Wehmut gepackt. Zuerst habe ich materiell loslassen müssen. Seit langer Zeit schon möchten wir ein paar Gebrauchsdinge aus den frühen Jahren unserer Kinder loswerden: Kinderwagen, Rucksacktrage, Fahrradanhänger ... An jedem dieser Gegenstände hängen viele schöne Erinnerungen. So sind wir auch mit dem rotgrauen Chariot viele Fahrradkilometer gefahren, haben Schönes erlebt und Neues entdeckt. Dass dieses Teil sicherlich nicht jeder x-Beliebige bekommt, das haben wir uns versprochen. Dass es gleich bei der zweiten Besichtigung mit einer sehr netten Familie aus einer entfernten Ecke des Salzburger Landes klappt, die auf den ersten Blick erkannte, was für ein praktisches Schmuckstück diese Kinderkutsche ist, das hat mich dann fast etwas überrumpelt – aber dennoch sehr gefreut. Also ging’s mit dem Loslassen sogar ganz gut.

 

Härter hat mich dahingegen das Entdecken eines radikalen Kahlschlags auf unserem Lieblingsspielplatz getroffen. Das war eindeutig mehr als materielles Loslassen. Das war das Hinwegraffen langjähriger Weggefährten. Da standen hundertjährige Riesen, wunderschöne Nadelbäume, die meinen Kindern und mir über die ganzen vergangenen Jahre immer herrlichen Schatten spendeten. An denen wir uns anlehnten. Uralte stattliche Baumschönheiten, die ihre Äste im Wind wiegen ließen, an deren rauer Rinde kleine Kinderfinger kletzelten, Kinderaugen neugierig die Kletterwege von Ameisen verfolgten, auf deren aus dem Boden hervorspringenden Wurzeln sie balancierten und die uns an heißen Sonnentagen eben gerade diesen Platz mit seinem Natur-Baldachin zum bevorzugten Ausflugsziel machten. Umgeschnitten. Weggeschafft. Sieben Stück. Dieser vertraute Ort, er wirkte so leer, als ich auf ihn zu ging. Ich konnte es nicht fassen. Die übriggebliebenen Baumstrünke stehen jetzt da wie wehklagende Zeugen dieser kurzen Momente des Beendens. Ringe über Ringe, die von den vergangenen Jahrzehnten zeugen. Eine beeindruckende Anzahl an Altersbeweisen. Ich habe sie gezählt. Ich habe meine Hände auf die Strünke gelegt. Keine Schwäche, keine Krankheit zu erkennen an diesen starken, fest verwurzelten Überresten. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Unwiederbringlich. Da kannst du nicht einfach zum Gemeindeamt laufen und sagen: ‚Ach, könnt ihr die nicht wieder aufstellen? Sie waren doch so schön.’ Eben keine Sonnenschirme. Über Jahrzehnte Gewachsenes. So kraftvoll. So herrlich. Ein für allemal weg. Die Leere über diesem Ort schmerzt. Schmerzt mich, die dieses behütende Naturzelt so schätzte. Mich, die Bäume so liebt. Mich, die so tiefen Respekt hat vor in der Natur Wachsendem, das schon da war, da gab es noch nicht einmal meine zwei Großmütter. Und die sind bereits wieder gegangen.

 

Genau dieser Abschiedsschmerz, diese Unwiderruflichkeit einer willkürlich anmutenden Entscheidung, ließ meine Gedanken zweitausend Jahre zurückschweifen. Dieses Ohnmachtsgefühl. Dieses Ausgeliefertsein. Dieses Dastehen vor vollendeten Tatsachen. Worum es geht, natürlich kein Vergleich. Sieben Bäume – ein einzigartiges Menschenleben. Doch der Moment gab mir die Gelegenheit, mich darauf zu besinnen, was wir uns Jahr für Jahr im Zelebrieren des Osterfestes in Gedanken rufen wollen. Dankbarkeit erfüllte mich ob der Frohbotschaft, der wir in der Osternacht Gehör schenken. Diese starke Botschaft, die uns die Endlichkeit unseres eigenen irdischen Daseins greifbar und erträglich macht. Und so ist mir auch dieses Jahr Ostern einmal mehr ein Fest der Freude und der Zuversicht gegenüber alledem, was uns im Leben begegnet, was wir als Aufgabe gestellt bekommen und was uns schlussendlich ausmacht.

 

Und weil das von ihm gezeichnete Bild dazu so gut passt, möchte ich euch dieses Gedicht heute zum Ostersonntag mitgeben:

 

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

 

Rainer Maria Rilke, 1899

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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Kommentare: 1
  • #1

    Ilse (Dienstag, 06 April 2021 14:44)

    ...Ja- ich bin auch so eine - die traurig ist, wenn plötzlich so vertraute, knorrige Begleiter nicht mehr sind, wo dann Plätze nicht mehr das sind, was sie immer bedeuteten.
    ...und danke wieder für die wunderbare "Seelennahrung"!

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