Ernüchtert – enttäuscht – erschüttert

 

Gestern um 7.00 Uhr im Auto. Ö1-Nachrichten. Zuerst ein für Radio-Meldungen ungewöhnlich langer, dreiminütiger Bericht zu den eigenwilligen Gepflogenheiten einer wichtigen wirtschaftlichen Institution Österreichs, wo Steuergelder mit beiden Händen beim Fenster rausgeworfen werden. Unsachgemäß verwendet. Unreflektiert eingesetzt. Es ist nur ein Beispiel für viele. Ein Beispiel für einen äußerst unsorgsamen, teilweise verantwortungslosen beziehungsweise auch sehr selbstherrlichen Umgang mit öffentlichen Geldern. Dann eine kurze Schlagzeile, dass an diesem Tage, Samstag, Prinz Philip, Ehemann der Königin, Herzog von Edinburgh, zu Grabe getragen wird. Millionen von Menschen rund um den Erdball werden die Trauerfeier von Großbritanniens geliebtem Prinzen mitverfolgen. Das bewegt die Menschen. Da schauen sie hin. Da hören sie zu. Gleich anschließend die Meldung, sehr knapp gefasst, dass Donnerstagabend mindestens 40 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Ihr Flüchtlingsboot sank vor dem tunesischen Küstenort Sidi Mansour. Diese Menschen stammten aus Ländern südlich der Sahara. Von der Hafenstadt Sfax wollten sie zur italienischen Insel Lampedusa gelangen. Weit waren sie zu Wasser nicht gekommen. Das Übersetzen gleicht dem Kampf eines Zwerges gegen einen mächtigen Drachen. Die Boote sind stets überfüllt. Meistens können die Menschen nicht schwimmen. Den unglaublich gefährlichen Fluchtplatz in der Nussschale haben sie teuer bezahlt. Die Hoffnung auf ein Entkommen aus dem gegenwärtigen in ein anderes, lebenswerteres Leben ist größer als alle Bedenken und Ängste. Erst im März gab es einen ähnlichen Unfall. 39 Flüchtlinge waren da gestorben. Jedes Jahr versuchen Tausende die lebensgefährliche Überfahrt von Tunesien und Libyen aus nach Europa. 2019 starben über 1.200 im Meer. 2020 ebenso viele. Diese Fakten wurden zwar nicht gestern im Radio berichtet, doch sie werden immer wieder über die Medien verbreitet. Und mir scheint, sie werden dort ausgesandt und verhallen im Nichts. Oder prallen irgendwo ab und gehen zurück ins Nichts. Kein Echo darauf. Keine Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Kein Ruck in der allzu strengen Flüchtlingspolitik. Jeder ist sich selbst der nächste. Darin sind die Zentraleuropäer Meister. Es tut so weh. ‚Ein Flüchtlingsboot sank.’ Ein kurzer Satz. Drei Wörter. Stellt euch dieses Sinken einfach einmal vor. Das passiert nicht plötzlich. Das sind ewig lange Momente des Verzweifelns, der Panik, der Angst, Schreien, Weinen, Gesten, Körperbewegungen von um ihr nacktes Überleben kämpfenden Menschen. Von großen und auch sehr kleinen Menschen. Ja, ich versuche sie mir vorzustellen. Die Augen der Kinder, die mit in diesen Booten sitzen. Ihr Zittern. Ihr Beben. Die Versuche von Nichtschwimmern, gegen die Kraft der wogenden Wellen des Meeres anzukommen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich zwinge mich, mir vierzig Menschen vor Augen zu halten, in verschiedenen Größen, mit verschiedenem Alter, Männer und Frauen, Mädchen und Jungen, die alle irgendwann ihren Kopf nicht mehr über Wasser halten können. Es tut unendlich weh. Es bringt mich zum Weinen. Es müsste nicht sein. Jene Seite der Menschheit, die Platz und Geld und Möglichkeit hat, um Asyl bettelnde Menschen von der anderen Seite aufzunehmen, müsste genau das tun. All diese Entscheidungsträger dürften nicht sagen, die und jene Nachbarstaaten, Partnerstaaten, haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht und darum warten wir erst, bis die ihre Pflichten erfüllt haben, dann erst werden wir wieder tätig. Inzwischen kentert das nächste Boot. Und das nächste. 40 Augenpaare. 40 Herzen. Sie alle wurden geboren, um zu leben. Wie wir. Wie unsere Kinder. Sie hatten nur nicht das unsagbare Glück, in Österreich geboren worden zu sein. Im Herzen Europas. In einem stabilen Land. Ohne Krieg. Ohne brutale Unterdrückung von Teilen seiner Bevölkerung. Mit viel Geld. Mit funktionierenden sozialen Strukturen. Wir dürfen es nicht milde lächelnd abwinken, wenn Menschen (ja, Menschen, wir alle sind M e n s c h e n) der Führungsriege – Funktionäre in hohen Positionen – sich gütlich tun an Steuergeldern und gleichzeitig sagen, nein, bei uns ist Schluss, keiner kann mehr rein. Mit aller Strenge müsste man ihnen begegnen, ihnen auf die Füße treten, ihnen ihre unsagbar unverschämte Vorgehensweise mit beweisenden Unterlagen um die Ohren klatschen und sie an ihre Verantwortung erinnern. Und ihnen Bilder von ertrinkenden Flüchtlingen unter die Nase halten und fragen: öffentlich subventionierte Golfclubmitgliedschaft oder zehn Leben retten? Plakativ, persönlich, laut an die Tür dieser Menschen müsste man klopfen und fragen: Haben Sie sich eine Sekunde lang darüber Gedanken gemacht? Denn genau diese Menschen können sich eben nicht abputzen und sagen, ja da kann ich aber leider gar nichts machen, was soll ich denn tun als Einzelner ..., denn die sitzen nahe bei den Entscheidungsträgern. Oder sind Entscheidungsträger. Vielleicht nicht in der ersten Reihe, doch nahe dran allemal. Und sie könnten sich an das Vertrauen erinnern, das ihnen mittels Stimmen geschenkt wurde, sie könnten für sich persönlich die Verantwortung vor den Vorhang holen, die sie mit ihrer reichlichen Bezahlung mittragen, sie könnten einfach einmal Rückgrat zeigen und über ihren eigenen Tellerrand – oder über ihr (Golf-)Handicap – hinwegblicken, sich öffnen, sich hingeben für wahre Solidarität. Die Solidarität, die sie ständig verbal in den Medien strapazieren, endlich einmal nicht als Worthülse in die Menge schleudern, sondern vollinhaltlich umsetzen, ins Leben setzen, dafür tätig werden. Denn Taten braucht es, um dieses schreckliche Schicksal hunderter, tausender Menschen aufzufangen und umzukehren in eine aussichtsreiche Zukunft. Zumindest in e i n e Zukunft, für uns alle.

 

 

 

 

Eva Adelbrecht

Team von Buchhandlung und Verlag Pfeifenberger

Lektorin & Autorin

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